Dieses Video wurde am 09.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Ölpreis hat am Mittwoch erstmals seit Monaten die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar je Barrel überschritten. Auslöser ist eine neuerliche Eskalation an der Straße von Hormus, der zentralen Öltransportroute zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Meer. US-Streitkräfte zerstörten nach eigenen Angaben fünf iranische Rohöltanker und versenkten einen davon – als Vergeltung für einen iranischen Angriff auf ein US-Kriegsschiff. Die Iranischen Revolutionsgarden reagierten mit Raketenangriffen auf Jordanien und neuen Attacken auf Schiffe in der Meerenge. Der Brent-Rohölpreis notierte zuletzt bei 100,66 Dollar, ein Tagesplus von 2,8 Prozent. Der DAX verlor in der Folge rund 1,6 Prozent.
Ölpreis-Eskalation: Was hinter den neuen Angriffen steckt
Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran um die Kontrolle der Straße von Hormus hat eine neue Dimension erreicht. Besonders brisant ist dabei, dass US-Streitkräfte in den vergangenen Wochen gezielt iranische Radarstellungen in der Meerenge ausgeschaltet haben. Dadurch gelang es, Öltanker mit abgeschaltetem Transponder nachts an der omanischen Küste entlang durch die Straße zu eskortieren – sogenannte „dunkle Exporte”.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bewertet das als strategische Wende: „Den Amerikanern ist es gelungen, Radarstellungen der Iraner auszuschalten – das erlaubt nächtliche Transporte mit abgeschalteten Radarsignalen. Das ist eine neue Situation im Kriegsgeschehen.”
Trotz dieser taktischen Fortschritte befeuern die jüngsten Eskalationsschritte die Märkte spürbar – und erinnern daran, wie fragil die Versorgungslage bleibt.
Wie weit kann der Ölpreis noch steigen?
Krämer schließt einen weiteren Preisanstieg nicht aus. „Klar kann es weitergehen Richtung 110 Dollar”, sagte er. Gleichzeitig verweist er auf dämpfende Faktoren, die eine Überhitzung begrenzen könnten:
- Asiatische Volkswirtschaften haben ihren Ölverbrauch spürbar gesenkt.
- Förderländer außerhalb des Golfraums haben ihre Produktion ausgeweitet.
- Die US-Eskortkapazitäten für Tanker durch die Straße von Hormus sind gestiegen.
- Strategische Ölreserven bieten westlichen Volkswirtschaften zusätzlichen Puffer.
Der Ökonom erwartet langfristig keine Einigung in Form eines „großen Deals” zwischen Washington und Teheran. Stattdessen rechnet er mit einer schleichenden Deeskalation – mit zwischenzeitlichen Rückschlägen, wie dem aktuellen Preisschock.
Gaspreise auf höchstem Stand seit 2022 – Konjunkturrisiken steigen
Noch stärker als Rohöl hat der europäische Gaspreis zugelegt: Mit 79 Euro je Megawattstunde erreichte er den höchsten Stand seit Ende 2022. Für die deutsche Konjunktur bedeutet das zusätzlichen Gegenwind – wenngleich Krämer die Lage differenziert einschätzt.
„Der Gaspreis steigt deutlich, aber er wird nicht eins zu eins in die Inflation eingehen, weil die Haushalte ihre Verträge erst mit Verzögerung anpassen”, erklärt der Commerzbank-Chefvolkswirt. Grundsätzlich zeigten sich die europäischen Volkswirtschaften im zweiten Quartal überraschend widerstandsfähig. Positive Frühindikatoren wie der Ifo-Index und Auftragseingänge hätten die Erwartungen übertroffen – trotz des vorausgegangenen Ölpreisschocks.
EZB und Fed: Wie antworten die Notenbanken auf die Inflationsrisiken?
Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte auf ihrer Sitzung am Donnerstag die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent anheben – das gilt an den Märkten als ausgemachte Sache. Krämer hält den Schritt für notwendig: „Der bisherige Leitzins von 2 Prozent ist zu niedrig. Man braucht eine leicht restriktive Geldpolitik, um die inflationären Risiken einzudämmen – zumal die Inflationsrate seit Jahren über zwei Prozent liegt.”
Weniger klar ist die Lage bei der US-Notenbank Federal Reserve. Unter dem neuen Notenbankpräsidenten Waller sendet die Fed kaum noch Vorab-Signale. Krämer sieht eine Zinserhöhung als ökonomisch geboten an – die US-Wirtschaft läuft gut, die Inflation bleibt erhöht. Ob Waller jedoch tatsächlich gegen den ausdrücklichen Willen von Präsident Trump handelt, der öffentlich Druck auf die Notenbank ausübt, bleibt offen. „Letztendlich können Sie da eine Münze werfen”, so Krämer.
Angesichts weiter schwelender Spannungen an der Straße von Hormus und erhöhter Energiepreise dürften die kommenden Wochen für Märkte und Notenbanken gleichermaßen anspruchsvoll bleiben. Entscheidend wird sein, ob sich die militärische Lage in der Region stabilisiert – oder ob weitere Eskalationsschritte die Ölversorgung erneut unter Druck setzen.
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