Dieses Video wurde am 08.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die PISA-Studie 2025 liefert alarmierende Ergebnisse für Deutschland: 15-jährige Schülerinnen und Schüler erzielen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so schlechte Werte wie seit Beginn der PISA-Erhebungen nicht mehr – und liegen damit sogar unter dem Niveau des sogenannten PISA-Schocks vor 25 Jahren. Über 6.000 Jugendliche in Deutschland nahmen an der aktuellen Runde teil, die alle drei Jahre Kompetenzen in 91 Ländern vergleicht. Bundesbildungsministerin Karin Prien, die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz Anna Stolz sowie der Leiter des PISA National Centers an der TU München, Professor Greif, stellten die Ergebnisse gemeinsam vor.
PISA-Studie 2025: Die zentralen Befunde im Überblick
Deutschland erreicht laut der aktuellen PISA-Studie nur noch den OECD-Durchschnitt – nach Jahren, in denen das Land nach dem ersten PISA-Schock deutliche Fortschritte erzielt hatte. Seit rund zehn Jahren ist ein kontinuierlicher Kompetenzrückgang zu beobachten, der sich nun weiter fortsetzt.
Besonders besorgniserregend ist der wachsende Anteil junger Menschen ohne ausreichende Basiskompetenzen:
- Etwa jeder vierte Jugendliche verfehlt in den Naturwissenschaften das Grundkompetenzniveau.
- In Lesen und Mathematik ist es sogar jeder Dritte.
- Rund 20 Prozent – jeder fünfte Jugendliche – erreichen in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen.
- Auch an der Leistungsspitze schrumpft der Anteil besonders kompetenzstarker Schülerinnen und Schüler.
Wer die Mindestkompetenzen verfehlt, hat laut Studie Schwierigkeiten, einfache Informationen aus einem kurzen Text zu entnehmen, alltägliche Prozentrechnungen durchzuführen oder wissenschaftliche Aussagen von Werbung zu unterscheiden.
Lesekompetenz und Aufmerksamkeit: Die eigentliche Krise
Hinter den verlorenen Punktzahlen steckt nach Einschätzung der Studienverantwortlichen eine tiefere Krise: Junge Menschen investieren weniger Zeit und Aufmerksamkeit in Texte – sie überfliegen statt zu verstehen, antworten schnell, aber falsch. Die Lesekompetenz ist besonders stark eingebrochen.
Gleichzeitig nimmt die Neugier ab: Weniger Jugendliche als zuvor geben an, wissen zu wollen, wie Dinge funktionieren. Mehr räumen ein, begonnene Aufgaben nicht zu beenden. Diese Entwicklung korreliert laut PISA-Daten eng mit dem Absinken der Leseleistungen.
Als Mitursache gilt die veränderte Mediennutzung: Die Bildschirmzeit ist gestiegen, doch die Qualität hat sich verschoben – vom Erstellen eigener Inhalte und Lesen hin zum passiven Scrollen in sozialen Netzwerken. Über 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben an, Künstliche Intelligenz zu nutzen, um Hausaufgabentexte zu erstellen – und lagern damit genau jene kognitive Anstrengung aus, die Lernen erst ermöglicht.
Soziale Ungleichheit wächst weiter
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Bildungsgerechtigkeit: In kaum einem anderen OECD-Staat hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Dieser Zusammenhang ist laut Studie etwa dreimal so stark wie in Kanada.
Konkret bedeutet das: Von 100 Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erreichen in Deutschland nur etwa zwei hohe Kompetenzwerte. Die soziale Schere hat sich gegenüber früheren Erhebungen sogar noch weiter geöffnet. Ministerin Prien bezeichnete diesen Befund als „nicht hinnehmbar” und verwies auf das Startchancenprogramm – das bislang größte gemeinsame Bildungsprogramm von Bund und Ländern – als wichtigen, wenn auch erst anlaufenden Hebel.
Auch der Rückgang der sogenannten Bildungsaspiration – also der Bedeutung, die Eltern der Bildung ihrer Kinder beimessen – fiel auf: In Deutschland ist dieser Wert niedriger als in vielen anderen OECD-Staaten, und der Anteil der Eltern, die ihre Kinder regelmäßig nach dem Schultag befragen, ist gesunken.
Maßnahmen und Ausblick: Ein Marathon, kein Sprint
Wissenschaft und Politik sind sich einig: Es gibt nicht den einen großen Hebel, sondern es braucht ein Bündel an Maßnahmen, die konsequent und langfristig umgesetzt werden müssen. Das nationale Studienzentrum an der TU München benennt drei Schwerpunkte:
- Frühzeitige Erfassung der Lernentwicklung mit verbindlicher Förderung – noch vor dem Anschluss-Verlust.
- Gezielte Unterstützung von Schulen in besonders herausfordernden Lagen statt Gießkannenprinzip.
- Kontinuierliche, datengestützte Qualitätsentwicklung von Unterricht und Schulen.
Bildungsministerin Prien kündigte zudem für Oktober Eckpunkte für ein nationales Gesetz zur Altersbegrenzung bei Social-Media-Nutzung an. Bayerns Kultusministerin Stolz verwies auf laufende Programme wie das adaptive Lernsystem für Basiskompetenzen sowie das Unterrichtsqualitätsprogramm QUAMAT. Beide betonten: Bildungsreformen sind ein Marathon. Positive Beispiele wie England, Estland und Kanada zeigen jedoch, dass eine Trendumkehr möglich ist – wenn der politische Wille vorhanden ist und Maßnahmen systematisch und dauerhaft umgesetzt werden. Die nächste Bildungsministerkonferenz im Dezember soll erste gemeinsame Schritte vorlegen.
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