Geiseldrama Gladbeck: Interview mit Täter Rösner

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Dieses Video wurde am 01.05.2026 von DER SPIEGEL auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Das Geiseldrama von Gladbeck gilt bis heute als das spektakulärste Verbrechen mit Geiselnahme in der Geschichte der Bundesrepublik. Vom 16. bis 18. August 1988 hielten Hansjürgen Rösner und sein Komplize Dieter Degowski Deutschland 54 Stunden lang in Atem. Am Ende waren drei Menschen tot, die Polizei stand in der Kritik, und eine Nation fragte sich, wie ein derart chaotisches Verbrecherduo die Behörden so lange in Schach halten konnte. Ein Gefängnisinterview, das die Journalistin Katrin Klocke für Spiegel TV im März 1991 führte – nur vier Tage nach der Urteilsverkündung –, gibt erstmals Einblick in die Sichtweise des Haupttäters.

Eine Schnapsidee als Ausgangspunkt

Die Ursprünge des Dramas sind nach Rösners eigenen Worten erschreckend banal. In der Nacht zum 16. August 1988 saßen er und Degowski gegen 4 Uhr morgens zusammen, nachdem ein anderes kriminelles Vorhaben gescheitert war. Unter dem Einfluss von Wesperax – einem Barbiturat, das enthemmend und unvorsichtig macht und zwei Jahre zuvor bereits aus dem Handel gezogen worden war – überlegten die beiden, wie sie schnell an Geld kommen könnten. Degowski schlug die nahegelegene Deutsche Bank vor, Rösner zögerte kurz, dann warfen sie sich weitere Pillen ein und entschlossen sich spontan zum Überfall.

Forensischer Psychiater Professor Haller, der das Interview kommentiert, ordnet das Verhalten ein: Wesperax bringe Menschen in einen emotional instabilen Zustand, mache sie unvorsichtig und enthemme sie ähnlich wie Alkohol. Beide Täter galten als Kleinkriminelle, die ihr Leben zwischen Trinkhalle und Gefängnis verbracht hatten. Rösner befand sich zum Tatzeitpunkt auf der Flucht, nachdem er nach einem Hafturlaub nicht in den Knast zurückgekehrt war.

Bereits auf dem Weg zur Bank stürzten die beiden mit dem Motorrad, weil Degowski sich in die falsche Richtung lehnte. Ein schlechtes Omen, das die beiden ignorierten.

Polizei und Täter: Gegenseitiges Unverständnis

Nachdem ein Zeuge die Polizei alarmiert hatte, stellten Streifenwagen die Bank offen zur Schau – ein taktischer Fehler, der die Lage nach Einschätzung von Professor Haller massiv verschärfte. Rösner empfand die demonstrative Polizeipräsenz als Provokation und Missachtung. Das Feindbild Polizei, das sich durch Rösners gesamte Biografie zieht – er war ab dem neunten Lebensjahr aktenkundig, hatte elf Jahre in Haft verbracht –, entlud sich in der Banksituation.

Auch der erste telefonische Kontakt mit einem Verhandlungsführer verlief katastrophal. Der Beamte duzte Rösner sofort und versuchte plump, seine Identität herauszufinden. Für Rösner war das eine weitere narzisstische Kränkung. Professor Haller analysiert:

  • Die Täter fühlten sich von der Polizei nie ernst genommen.
  • Der falsche Umgangston des Verhandlungsführers weckte Kampfeswillen.
  • Späte Zugriffsmöglichkeiten – etwa beim zweistündigen Frühstück in Hagen – wurden nicht genutzt.
  • Ein Polizist erschien zur Geldübergabe in der Badehose, was das Machtgefälle symbolisch zeigte.
  • Beim Showdown auf der Autobahn starb eine Geisel durch Schusswechsel.

Rösner ließ die Geiseln bei der Geldübergabe demonstrativ demütigend auf Knien kriechen – ein Bild, das Professor Haller als Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Macht über die verhasste Polizei wertet.

54 Stunden Irrfahrt quer durch die Republik

Nach dem Verlassen der Bank begann eine wirre Flucht, die keinerlei Plan folgte. Rösner holte mitten in der Nacht seine Freundin Marion Löblich ab, weil er sich in der Stadt nicht auskannte und jemanden zum Fahren brauchte. Die Gruppe irrte von Gladbeck nach Münster, ins Ruhrgebiet zurück, nach Hagen, dann nach Bremen. Dort kauften Rösner und Löblich in einem Modegeschäft Kleidung ein – eine schwarze Lederjacke, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Commander” –, während Degowski mit den Geiseln im Auto einschlief und die Geiseln kurzzeitig unbeaufsichtigt ließ.

Warum flüchteten die Geiseln nicht? Professor Haller sieht Ansätze des Stockholm-Syndroms, wenngleich die Kürze der Zeit eine tiefe emotionale Bindung verhinderte. Journalistin Klocke vermutet, dass die Geiseln die Täter schlicht nicht ernst genug nahmen und auf eine schnelle Freilassung hofften. Tatsächlich machte sich Bankkassierer Reinhold A. aktiv nützlich und rief mehrfach die Polizei an – ohne dass diese adäquat reagierte. Bei einem dieser Anrufe nahm lediglich ein Notrufsprecher ab, der erklärte, er könne die Informationen „weiterleiten”.

In Bremen geriet die Lage endgültig außer Kontrolle. Als Rösner und Degowski am Busbahnhof Schutz in einer Menschenmenge suchten, kaperten sie spontan einen Linienbus mit 32 Insassen – ursprünglich wollten sie sich nur „unterstellen”. Der Busfahrer wollte Feierabend machen; Rösner ließ ihn gehen. Journalisten drängten sich an den Bus und begannen, live im Fernsehen zu berichten – das erste große Reality-TV-Ereignis der deutschen Mediengeschichte.

Eskalation, Tod und das Versagen der Institutionen

An der Raststätte Grundbergsee nahm die Polizei Marion Löblich auf der Toilette fest. Degowski erschoss daraufhin den 14-jährigen Emmanuele de Georgie – obwohl Löblich längst auf dem Weg zurück zum Bus war. Die Polizei hatte schlicht nicht die richtigen Schlüssel für ihre Handschellen gefunden. Es war der erste Tote.

Die Geiselgangster fuhren weiter durch die Niederlande, dann über Münster und Wuppertal nach Köln, weil Rösner den Dom sehen wollte. In der Kölner Fußgängerzone setzte sich der spätere Bild-Chefredakteur Udo Rübel sogar ins Fluchtauto und lotste die Gangster bis zur Autobahn – ein journalistisches Versagen, das bis heute diskutiert wird. Den Abschluss bildete der Showdown auf der Autobahn bei Bad Honnef: Die Polizei rammte das Fahrzeug, im Schusswechsel starb die 18-jährige Geisel Silke B. Insgesamt verloren drei Menschen ihr Leben: zwei Geiseln und ein Polizist bei einem Unfall auf dem Weg zum Einsatzort.

Professor Haller fasst das strukturelle Versagen zusammen: Ein ungeplantes, unter Drogeneinfluss gestartetes Verbrechen traf auf eine Polizei, die auf kaltblütig agierende Täter vorbereitet war – nicht auf überforderte, paranoide Kleinkriminelle, die schlicht nicht wussten, wohin sie als Nächstes fahren sollten. Das Geiseldrama von Gladbeck bleibt ein Lehrstück über institutionales Versagen, mediale Verantwortung und die fatale Dynamik zwischen Tätern, die nach Anerkennung gieren, und einem System, das sie konsequent ignorierte.

Dieser Artikel wurde KI-gestützt erstellt und kann Fehler enthalten.

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