Dieses Video wurde am 09.09.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Santiago Roel Santos gehört zu den frühen Bitcoin-Investoren: 2012, noch während seiner Zeit bei JP Morgan, kaufte er erstmals Bitcoin – damals zu einem Preis von rund 50 US-Dollar je Coin. Heute besitzt er keinen einzigen mehr. Im Gespräch erklärt der Gründer der Holdinggesellschaft Inversion, warum er Stablecoins für das eigentlich revolutionäre Element im Kryptomarkt hält, weshalb Bitcoin für ihn als Investment ausgedient hat und welche Rolle künstliche Intelligenz in seinem Investmentansatz spielt.
Von Bitcoin zu Stablecoins: Ein Paradigmenwechsel
Santos’ ursprüngliche Investment-These für Bitcoin war simpel: eine Milliarde Dollar Marktkapitalisierung, klare Konkurrenten wie Western Union, die für internationale Überweisungen bis zu sieben Prozent Gebühren verlangen, und eine Technologie, die denselben Transfer nahezu kostenlos ermöglicht. Diese Venture-Capital-Logik überzeugte ihn damals.
Heute sieht er das anders. Bitcoin habe als digitales Gold zwar seine Daseinsberechtigung, sei aber für ihn persönlich kein attraktives Investment mehr – zu hoch die Korrelation mit risikoreichen Anlagen, zu volatil, zu wenig nutzbar im Alltag. „Bitcoin wird niemals für den Kaffeekauf genutzt werden”, sagt er pointiert.
Stablecoins hingegen erfüllen den ursprünglichen Versprechen: schnelle, günstige, grenzüberschreitende Zahlungen. Santos verweist darauf, dass bereits heute über 90 Prozent aller umlaufenden Stablecoins auf den US-Dollar lauten – und dass die US-Regierung diesen Trend bewusst toleriere, weil er die globale Dollarnachfrage stärkt. Unternehmen wie Tether (USDT) und Circle (USDC) hätten dabei eine regulatorische Nische gefunden, solange ihre Coins vollständig durch Reserven gedeckt sind.
Bewertung von Krypto-Netzwerken: Gebühren statt Narrativ
Als ehemaliger Investment-Banker bewertet Santos Blockchain-Protokolle nach finanzanalytischen Kriterien – ein Ansatz, der ihn in der Krypto-Community gelegentlich als Außenseiter dastehen lässt.
Sein zentrales Argument: Langfristig steigert Nutzbarkeit den Wert, nicht Knappheit allein. Bei einem Rohstoff wie Gold funktioniert das Knappheitsprinzip. Bei Netzwerken wie Ethereum jedoch seien gesunkene Transaktionsgebühren – heute Centbeträge statt früher 7 bis 50 US-Dollar – ein zweischneidiges Schwert: gut für die Nutzer, schlecht für die Bewertungsgrundlage des Netzwerks selbst.
Santos nennt konkrete Zahlen:
- Ethereums Gebühren sind seit 2021 um 80–90 Prozent zurückgegangen
- Die Marktkapitalisierung liegt dennoch bei rund 300 Milliarden US-Dollar
- Das implizierte Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt damit beim etwa 400-Fachen – für ihn schwer begründbar
- Attraktiver findet er Protokolle, die konstant hohe Gebühren generieren und dennoch zum 4- bis 15-Fachen des Cashflows gehandelt werden
- Plattformen wie Hyperliquid oder Prognosemärkte sieht er als strukturell interessanter an
Gleichzeitig betont er: Zwei Dinge könnten gleichzeitig wahr sein – manche Krypto-Projekte seien massiv überbewertet, andere deutlich unterbewertet. Die eigentliche Frage sei, wie man sie seriös unterscheidet.
Tokenisierung: Chancen mit klaren Grenzen
Das Thema Tokenisierung realer Vermögenswerte bewertet Santos differenziert. Grundsätzlich sieht er Potenzial: Kleinanleger erhalten Zugang zu bislang illiquiden Anlageklassen wie Gewerbeimmobilien oder Kunstwerken. Preisfindung und Handelbarkeit verbessern sich.
Allerdings warnt er vor überzogenen Erwartungen. Physische Vermögenswerte auf einer Blockchain abzubilden erfordere funktionierende Rechtssysteme, Beglaubigungsinfrastrukturen und verlässliche Preise – Voraussetzungen, die in vielen Märkten schlicht fehlen. „Nicht alles sollte tokenisiert werden”, sagt Santos und verweist auf den Ökonomen Hernando de Soto: Eigentums- und Landrechte sind das Fundament, ohne das Tokenisierung ins Leere läuft.
Digital-native Vermögenswerte – also Objekte, die originär auf der Blockchain existieren – ließen sich dagegen einfacher und sinnvoller tokenisieren. Finanzanwendungen wie tokenisierte Aktien oder 24/7-Märkte sieht er als vielversprechendste Anwendungsfälle.
KI als Kraftmultiplikator für kleine Teams
Neben Krypto beschäftigt Santos zunehmend die Integration von KI-Agenten in Unternehmensprozesse. Mit einem vierköpfigen Team bei Inversion erledigt er nach eigener Aussage Aufgaben, für die er ohne KI 20 Mitarbeiter bräuchte. Die Technologie sei kein Job-Vernichter per se, sondern vor allem ein Hebel für Unternehmen, die an Kapazitätsgrenzen stoßen.
Sein Investmentfokus bei Inversion richtet sich deshalb auf Unternehmen, bei denen Technologie orthogonal wirkt – also das bestehende Geschäft verbessert, statt es zu ersetzen. Branchen wie Buchhaltung, Gesundheitswesen oder wissensintensive Dienstleistungen hält er für besonders geeignet.
Langfristig skizziert Santos eine Welt, in der das Verhältnis von KI-Agenten und Robotern zu Menschen bei zehn zu eins liegen könnte. Ob das zu mehr Überfluss und Freizeit führt oder primär Ungleichheit verstärkt, lässt er bewusst offen – und benennt es als die wichtigste gesellschaftliche Frage der nächsten zwanzig Jahre.
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