Dieses Video wurde am 14.09.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Markt für Quantencomputer gilt als eine der bedeutendsten Zukunftstechnologien überhaupt – mit einem Potenzial, das ganze Industrien verändern könnte. Während Konzerne wie IBM, Google und Quantinuum Milliarden investieren, mischt ein deutsches Startup aus Siegen im globalen Wettbewerb mit: eleQtron, ein Spinoff der Universität Siegen, entwickelt Quantencomputer auf Basis gefangener Ionen. Im Gespräch erklärt Mitgründer und CEO Jan Leise, wo das Unternehmen steht, welche Technologie dahintersteckt und warum auch ein Börsengang eine Option ist.
Was ein Quantencomputer wirklich ist – und was nicht
Ein Quantencomputer ist kein schnellerer klassischer Rechner, sondern eine grundlegend andere Form des Rechnens. Während herkömmliche Computer mit Nullen und Einsen arbeiten, nutzen Quantencomputer die Gesetze der Quantenphysik – darunter das Prinzip der Superposition, bei dem ein sogenanntes Qubit gleichzeitig den Zustand 0 und 1 einnehmen kann.
Das ermöglicht es, bestimmte komplexe Probleme auf eine Weise zu lösen, die mit klassischen Rechnern wirtschaftlich nicht mehr erreichbar wäre. Klassisches Computing wird dadurch nicht verdrängt, sondern ergänzt. Laut Leise entstehen so völlig neue Einsatzfelder – von der Materialforschung über Medikamentenentwicklung bis hin zu komplexen Optimierungsproblemen in der Industrie.
Der Massenmarkt für Quantencomputing bedeutet dabei nicht, dass jeder ein Gerät im Keller betreibt. Vielmehr werden Millionen Nutzer künftig per Fernzugriff auf Quantenrechenleistung aus Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen zugreifen – ähnlich wie heute niemand wissen muss, auf welchem Server eine App läuft.
eleQtrons Ansatz: Ionenfalle plus Mikrowelle
eleQtron setzt auf die sogenannte Ionenfallen-Technologie und nutzt einzelne Atome als Qubits. Das Prinzip: Atome sind in der Natur überall identisch – ein Vorteil, den das Unternehmen mit dem Slogan „Perfect by Nature” beschreibt. Dadurch vereinfacht sich die Fehlerkorrektur erheblich.
Der entscheidende Unterschied zu anderen Ionenfallen-Ansätzen liegt in der eigenen MAGIC-Technologie (Magnetic Gradient Induced Coupling): Statt komplexer Lasersteuerung nutzt eleQtron Mikrowellen und magnetische Gradienten zur Kontrolle der Ionen. Das Ergebnis ist weniger technische Komplexität und eine bessere Grundlage für Skalierung.
- 2013 ging in Siegen der erste deutsche Quantencomputer ans Netz – bereits auf MAGIC-Basis
- 2020 erfolgte die Ausgründung aus der Universität Siegen
- Im Mai 2025 sammelte eleQtron in einer Series-A-Runde 57 Millionen Euro ein
- Lead-Investor ist Schwarz Ventures; Early Bird war als früher VC-Partner beteiligt
- Zu den Hardwarepartnern zählen unter anderem Infineon und NXP
Leise betont die Bedeutung europäischer Technologiesouveränität: eleQtron setzt bewusst auf ein breites Zulieferernetzwerk statt einseitiger Abhängigkeiten und arbeitet aktiv am Aufbau eines lokalen Ökosystems.
Wettbewerb: Das Rennen ist noch offen
Im globalen Quantenrennen konkurrieren verschiedene Technologieansätze miteinander. Neben Ionenfallen zählen supraleitende Qubits (IBM, Google) und Neutralatome zu den wichtigsten Plattformen. Jede Technologie hat spezifische Stärken: Supraleitende Systeme rechnen sehr schnell, Ionenfallen bieten hervorragende Speicherzeiten und hohe Qualität logischer Operationen.
Leise hält es für möglich, dass langfristig mehrere Technologien nebeneinander existieren – ähnlich wie heute CPUs, GPUs und KI-Beschleuniger für verschiedene Aufgaben genutzt werden. Zu den stärksten Mitbewerbern im Ionenfallen-Segment zählt er Quantinuum (mit der Akquisition von Oxford Ionics) und IonQ.
Den Ausschlag geben werde am Ende, wer die passende Intellectual Property besitzt und das richtige Kapital mobilisiert. Entscheidend sei dabei nicht die wissenschaftliche Publikationsliste, sondern die Fähigkeit, aus Labormaschinen reproduzierbare Produkte zu machen und diese in reale Computing-Infrastrukturen zu integrieren.
KI, Disruption und der Blick in die Zukunft
Quantencomputing und Künstliche Intelligenz sind nach Einschätzung von Leise keine Konkurrenten, sondern werden Teile derselben Computing-Infrastruktur. Kurzfristig hilft KI bereits dabei, Quantensysteme besser zu kalibrieren und Fehler zu erkennen. Langfristig könnte Quantencomputing wiederum neue mathematische Möglichkeiten für KI-Anwendungen erschließen.
Für die nächsten zehn Jahre erwartet Leise den Aufstieg einer vollständigen neuen Computing-Industrie – vergleichbar mit dem Aufkommen von Halbleitern oder der Cloud. Unternehmen, die heute keine Quantenstrategie entwickeln, riskieren langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig warnt er vor Risiken: Leistungsfähige Quantencomputer könnten künftig bestehende Verschlüsselungsverfahren gefährden und strategische Machtkonzentrationen verstärken.
Für eleQtron selbst stehen in den kommenden Jahren mehr Qubits, höhere Systemqualität und die weitere Integration in Rechenzentren auf der Agenda. Ein Börsengang – ob als klassisches IPO oder über einen SPAC – wird als reale Option betrachtet. Leise gibt sich überzeugt: Wer im Quantenrennen die richtige Technologie, Infrastruktur und Kundenbasis aufbaut, entscheidet heute mit, wer die digitale Infrastruktur von morgen kontrolliert.
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