Dieses Video wurde am 03.05.2026 von DW auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
In Lissabon sind rund 45.000 Senioren von Einsamkeit bedroht – das entspricht einem Drittel aller über 65-Jährigen in der portugiesischen Hauptstadt. Das RADAR-Projekt, eine europäische Initiative, bei der Stadt und Polizei eng zusammenarbeiten, versucht dem entgegenzuwirken. Doch ein wachsendes Problem verschärft die soziale Isolation zusätzlich: der Massentourismus, der immer mehr Wohnraum verdrängt und gewachsene Nachbarschaften zerstört.
Hausbesuche als Herzstück des RADAR-Projekts
Der 39-jährige Filipe Garcia und Polizeibeamter Pedro Castanheira gehen gemeinsam von Tür zu Tür im Lissabonner Stadtviertel Marvila. Ihr Auftrag ist klar: zuhören, Präsenz zeigen, Bedürfnisse erkennen. „Unsere Mission ist es, bei den Menschen zu sein und ihnen zuzuhören”, sagt Filipe Garcia.
Castanheira begleitet die Hausbesuche nicht nur aus Sicherheitsgründen. Seine Anwesenheit verleiht dem Projekt Glaubwürdigkeit und erlaubt es, auf ernstere Fälle wie Isolation, Missbrauch oder Straftaten sofort zu reagieren. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner begrüßen die Initiative – auch wenn nicht alle Hilfe benötigen.
Bewohnerin Livia Pereira fühlt sich nicht einsam, weil ihre Enkelin bei ihr lebt. Dennoch bemerkt sie den gesellschaftlichen Wandel: „Früher haben wir uns draußen getroffen und geplaudert. Es gab ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl unter den Nachbarn.”
Tourismus als Treiber der Einsamkeit unter Senioren
Lissabon zählt rund eine halbe Million Einwohner – und empfängt jährlich Millionen von Touristen. Der Boom des Kurzzeitvermietungsmarkts hat weitreichende Folgen für den sozialen Zusammenhalt in den Stadtvierteln. Immer mehr Wohnungen werden zu Ferienapartments umgewandelt, alteingesessene Nachbarn ziehen weg oder sterben, ohne Ersatz zu finden.
Maria Gaia, Mitarbeiterin beim RADAR-Projekt, bringt es auf den Punkt: „Wenn dein Nachbar ein Tourist ist, bleibt er nicht lange. Er will die Stadt sehen und eine gute Zeit haben – er wird sich kaum um die Probleme im Viertel kümmern.” Die Folge: Nachbarschaftsnetzwerke, die früher als informelles soziales Sicherheitsnetz fungierten, brechen weg.
Besonders betroffen sind ältere Menschen, die auf gewachsene Strukturen angewiesen sind. Die zunehmende Fragmentierung von Familien verschärft die Lage zusätzlich: Viele Angehörige leben im Ausland oder weit entfernt vom Elternhaus.
Mobile Anlaufstellen und lokale Netzwerke als Antwort
Im Stadtviertel Lumiar setzt das RADAR-Projekt auf einen umgebauten Transporter als mobiles Beratungszentrum. Hier werden Blutdruck und Blutzucker gemessen, Gespräche geführt, Probleme erfasst. Die 75-jährige Olinda dos Santos ist eine der Besucherinnen. Sie lebt allein und fühlt sich überfordert: „Ich kann nicht kochen, nicht Bus fahren. Ich muss immer ein Taxi nehmen.”
Projektleiter Mário Rui André setzt auf die Stärkung lokaler Solidarität. Sein Ziel ist ein flächendeckendes Netzwerk aus Freiwilligen und lokalen Geschäften, die isolierte Bewohner frühzeitig erkennen und melden. Im Viertel Marvila nimmt eine Bäckerei bereits an diesem Modell teil: Das Personal schlägt Alarm, wenn Stammkunden plötzlich ausbleiben oder Hilfe zu benötigen scheinen.
- Ein Drittel der Lissabonner Senioren gilt als einsamkeitsgefährdet
- Rund 45.000 ältere Menschen sind direkt betroffen
- Wachsender Tourismus verdrängt Nachbarschaften und schwächt soziale Bindungen
- Das RADAR-Projekt verbindet Sozialdienste und Polizei in einer gemeinsamen Initiative
- Lokale Geschäfte und Freiwillige sollen künftig als Frühwarnsystem dienen
Eigenverantwortung und gesellschaftlicher Ausblick
Filipe Garcia sieht das RADAR-Projekt als wichtigen Anfang – aber nicht als dauerhafte Lösung allein. „Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn die Menschen ihre eigenen sozialen Netzwerke aufbauen würden, anstatt darauf zu vertrauen, dass Projekte wie dieses dauerhaft fortgeführt werden”, sagt er. Und er denkt dabei auch an seine eigene Zukunft: Irgendwann wird auch er alt sein und ein Netz brauchen, das ihn auffängt.
Die Situation in Lissabon steht exemplarisch für einen europäischen Trend: alternde Gesellschaften, schrumpfende Familien und der Druck des Tourismus auf städtische Wohnviertel lassen Einsamkeit zu einem wachsenden Gesundheits- und Sozialproblem werden. Ob Initiativen wie RADAR flächendeckend skaliert werden können, bleibt eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre.
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