Dieses Video wurde am 25.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland soll drastisch sinken: Gesundheitsminister Kassen Dinnemann will von derzeit 93 Kassen auf nur noch 20 reduzieren. Doch Florian Landz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands, hält wenig von dieser Idee einer staatlichen Zwangsfusion. Er bezeichnet das Kostenargument als „Scheinargument” und fordert stattdessen einen gezielten Strukturwandel im Krankenhaussektor sowie eine stärkere Primärversorgung. Die eigentlichen Kostentreiber im deutschen Gesundheitssystem liegen seiner Einschätzung nach an ganz anderer Stelle.
Krankenkassen Fusion: Warum der Staat nicht eingreifen muss
Wer heute die Zahl 93 Krankenkassen als zu hoch empfindet, sollte einen Blick in die Vergangenheit werfen: Anfang der 1990er-Jahre existierten in Deutschland noch über 1.000 gesetzliche Krankenkassen. Die Reduktion auf heute 93 Kassen ist also bereits das Ergebnis eines jahrzehntelangen, marktgetriebenen Konsolidierungsprozesses.
Laut Landz fusionieren Kassen von sich aus, sobald es wirtschaftlich sinnvoll ist – etwa um Beiträge stabil zu halten. Eine staatlich verordnete Zwangsfusion sei deshalb unnötig und kontraproduktiv. Stattdessen brauche es Spielraum für die Kassen, damit sie diesen Weg eigenverantwortlich weitergehen können.
Der Wettbewerb zwischen den Kassen sei nicht das Problem, sondern Teil der Lösung: Er treibe die Qualität der Versorgungsangebote nach oben und die Verwaltungskosten nach unten.
Verwaltungskosten: Gesetzliche Kassen effizienter als private
Das Argument, weniger Kassen bedeuteten weniger Bürokratie und niedrigere Personalkosten, lässt Landz nicht gelten. Die Kernaufgabe jeder Krankenkasse – die Betreuung ihrer Versicherten – bleibe unabhängig von der Anzahl der Kassen konstant: Auf 500 Versicherte kommt statistisch eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter, egal wie viele Kassen es gibt.
Besonders aufschlussreich ist der direkte Vergleich mit der privaten Krankenversicherung:
- Gesetzliche Krankenkassen: 4 Cent Verwaltungskosten pro ausgegebenem Euro
- Private Krankenversicherung: über 10 Cent Verwaltungskosten pro ausgegebenem Euro
- Die PKV ist damit mehr als doppelt so teuer in der Verwaltung
Der Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Kassen habe genau diese Effizienz erst möglich gemacht. Eine Fusion zu wenigen Großkassen würde diesen Effizienzdruck abschwächen, nicht verstärken.
Primärversorgung und Krankenhausreform als echte Stellschrauben
Wo liegen dann die tatsächlichen Ansatzpunkte für nachhaltige Einsparungen? Landz nennt zwei zentrale Bereiche:
Erstens die Primärversorgung: Viele Versicherte suchen bei Beschwerden direkt einen teuren Facharzt auf, obwohl eine Behandlung beim Hausarzt ausreichend wäre. Ein stärkeres Primärversorgungsmodell, bei dem der Hausarzt die erste Anlaufstelle und Weichenstellung übernimmt, könnte hier erhebliche Einsparungen bringen – ohne die Versorgungsqualität zu senken.
Zweitens der Krankenhaussektor: Jeder dritte Euro im Gesundheitssystem fließt in Krankenhäuser – weit über 100 Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig liegen weniger Patientinnen und Patienten in den Betten als vor der Coronapandemie, während die Kosten um rund 10 Prozent pro Jahr steigen. Rund 500 Kliniken stehen nach aktuellen Daten vor dem Existenzverlust, und bis 2030 soll laut einer Studie fast jede zweite Klinik akut gefährdet sein.
Landz plädiert dabei nicht für ein pauschales Kliniksterben, sondern für eine kluge Konzentration der Versorgung: Schwere Erkrankungen wie Krebs oder Schlaganfall gehören in spezialisierte Zentren, nicht in kleine Allgemeinkrankenhäuser ohne entsprechende Qualifikation. Gleichzeitig brauche es eine flächendeckend solide Grundversorgung.
Finanzlage der Kliniken: Dramatischer als behauptet?
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt vor einer Pleitewelle und dem Abbau tausender Arbeitsplätze. Landz relativiert diese Darstellung und bezeichnet die Szenarien der Krankenhauslobby als häufig „haltlos”. Tatsächlich erhalten die Krankenhäuser im kommenden Jahr rund 6,6 Milliarden Euro zusätzliche Mittel von den gesetzlichen Krankenkassen – ein Plus von etwa 5,5 Prozent.
Von einer Unterfinanzierung könne daher keine Rede sein. Vielmehr müssten sich die Kliniken selbst modernisieren und an die Anforderungen zeitgemäßer Medizin anpassen. Der nötige Strukturwandel im Gesundheitssystem ist damit keine Frage des Geldes, sondern des politischen Willens und der Bereitschaft zur Reform – bei Kliniken wie bei der Politik gleichermaßen.
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