Dieses Video wurde am 31.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die AfD in Sachsen-Anhalt steht vor einem möglicherweise historischen Wahlergebnis. Parteichef Ulrich Sigmund peilt die absolute Mehrheit an – ein Ziel, das politisch und rechnerisch höchst umstritten ist. Politikwissenschaftler Professor Oliver Lempke ordnet die Lage ein: Hinter dem ambitionierten Ziel könnte eine strategische Bequemlichkeit stecken, die der Partei eine dauerhafte Oppositionsrolle sichert – ohne die Kompromisse, die Regierungsverantwortung zwangsläufig mit sich bringt.
AfD zwischen Maximalforderung und Oppositionskomfort
Die AfD in Sachsen-Anhalt hat Angebote des BSW ausgeschlagen, ihr in einem dritten Wahlgang durch eine relative Mehrheit zur Regierungsübernahme zu verhelfen. Stattdessen beharrt die Partei auf dem Ziel von 45 Prozent – also einer absoluten Mehrheit.
Lempke sieht dahinter ein ideologisches Prinzip: Für die AfD funktioniere Demokratie nur als direkte Umsetzung des Volkswillens – Kompromisse gelten intern als Verrat an der eigenen Lehre. Diese Haltung macht Koalitionsgespräche strukturell schwierig und lässt den Verdacht zu, dass die Partei sich in der Rolle der führenden Opposition eingerichtet hat und gar nicht regieren möchte.
CDU plant Abwehr-Allianz – mit begrenzter Strahlkraft
Als Gegengewicht plant die CDU eine breite Abwehrallianz gegen die AfD. Doch Spitzenkandidat Schulze fehlt laut Lempke das nötige Charisma, um alle demokratischen Kräfte hinter sich zu versammeln.
Das Lager der AfD-Gegner gewinnt zwar an Stärke – allerdings weniger durch die CDU selbst als durch wachsende Stimmenanteile von SPD und Grünen. Das stärkt zwar das Gesamtlager, schwächt aber gleichzeitig die CDU als Ankerkraft. Die Folge: Das Parteiensystem wird fragmentierter, und eine stabile Regierungsbildung nach der Wahl dürfte deutlich komplizierter werden.
- AfD-Ziel: absolute Mehrheit mit rund 45 Prozent
- BSW-Angebot einer relativen Mehrheit wurde abgelehnt
- CDU-Abwehrallianz gewinnt Stimmen – vor allem bei SPD und Grünen
- Koalitionsbildung gilt als schwierig unabhängig vom Ausgang
Russland-Thema als Polarisierungsfaktor im Wahlkampf
Ein weiteres Element, das den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt – und darüber hinaus in Mecklenburg-Vorpommern – prägen könnte, ist die Russlandpolitik der Bundesregierung. Angesichts von Sanktionsdrohungen und dem Verdacht russischer Beteiligung an Sprengstoffdrohnen-Funden verschärft Berlin seinen Ton gegenüber Moskau.
Lempke erklärt, dass das Verhältnis zu Russland traditionell ein zentrales Thema für das BSW war und zum Aufstieg der Partei beigetragen hat. Nun, da das BSW schwächelt, könnte das Thema neu verteilt werden. Die AfD pflegt eine offene Russlandnähe – und in Ostdeutschland trifft eine Russland-kritische Haltung des Westens auf historisch gewachsene Skepsis.
Dabei gehe es im Osten nicht um Russlandliebe, betont Lempke, sondern um den Wunsch nach einer eigenen, gleichberechtigten Partnerschaft mit Moskau – unabhängig von westlichen Vorgaben. Diese Haltung könne einen neuen Polarisierungsschub auslösen und sei besonders relevant in Mecklenburg-Vorpommern, wo Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ein als ambivalent geltende Haltung gegenüber Russland eingenommen hat.
Einordnung: Komplizierte Mehrheitsverhältnisse im Osten
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht exemplarisch für eine strukturelle Verschiebung in der ostdeutschen Parteienlandschaft. Die AfD nutzt ihre Stärke nicht primär, um Verantwortung zu übernehmen, sondern um den politischen Druck auf das demokratische Lager zu maximieren. Gleichzeitig spalten außenpolitische Themen wie die Russlandpolitik Ost und West weiter auseinander.
Wie die Wahl ausgeht und ob eine handlungsfähige Regierung gebildet werden kann, bleibt offen. Sicher scheint: Einfache Mehrheitsverhältnisse werden auch diesmal nicht entstehen – und der Druck auf alle beteiligten Parteien, kompromissfähig zu sein, wächst.
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