Dieses Video wurde am 31.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Kurz vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt am 6. September hat Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) eine entschlossene Endkampagne angekündigt. In aktuellen Umfragen liegt die AfD rund 20 Prozentpunkte vor der CDU – Schulze selbst jedoch genießt mit 48 Prozent Zustimmung deutlich höhere persönliche Beliebtheitswerte als seine Partei. Im Interview machte der Regierungschef klar: Sein wichtigstes Ziel sei es, eine absolute Mehrheit der AfD im Landtag zu verhindern und Sachsen-Anhalt als handlungsfähiges Bundesland zu erhalten.
Wirtschaft und Energiepreise als zentrale Wahlkampfthemen
Schulze betonte die wirtschaftlichen Erfolge seines Landes und die noch offenen Baustellen. 25.000 Beschäftigte arbeiten allein in der Automobilzulieferindustrie Sachsen-Anhalts; dazu kommt eine der führenden Chemieregionen Europas. Als konkreten Erfolg nannte er die Abschaffung der Gasspeicherumlage, die den Chemieparkbetreiber SKW Piesteritz in Wittenberg zum Verbleib und zu Neuinvestitionen bewogen habe. Allein in diesem Jahr fließen demnach knapp 250 Millionen Euro in den Standort.
Beim Thema Energiepreise räumte Schulze ein, dass das angestrebte Niveau noch nicht erreicht sei. Er forderte weiterhin Unterstützung aus Berlin und Brüssel, betonte aber: Lokale Probleme löse das Land selbst, strukturelle Herausforderungen brauchen Bundesregierung und europäische Partner.
AfD-Programm: Schulze warnt vor Isolation und Rückschritt
Scharf ging Schulze mit dem AfD-Programm ins Gericht. Er kritisierte, die Partei zeichne ein Bild Sachsen-Anhalts als „Absteigerland” und biete keine konstruktiven Lösungen an. Konkrete Punkte, die er als unvereinbar mit der Zukunft des Landes bezeichnete:
- Ein rückwärtsgewandtes Frauenbild, das Frauen auf Haushalts- und Erziehungsaufgaben reduziere
- Die Ablehnung von Fachkräften aus dem Ausland – auch im Pflegebereich
- Forderungen nach einer Bürgerwehr statt mehr Polizei
- Symbolische Nähe zu Russland, etwa durch das Zeigen russischer Militärsymbole in AfD-Büros
„Wer die AfD wählt, sieht, wo man hinkommt”, sagte Schulze und verwies auf öffentlich sichtbare Russlandsympathien in der Partei. Eine absolute AfD-Mehrheit oder eine Koalition mit dem BSW würde Sachsen-Anhalt zum „Experimentierfeld” machen, das Berlin-interessen diene statt den Bürgern vor Ort.
Migration, Sicherheit und Schulzes Bilanz nach sechs Monaten
Beim Thema Migration verwies Schulze auf stark gesunkene Zugangszahlen: Im ersten Halbjahr 2026 seien nur noch rund 1.000 neue Fälle registriert worden – vergleichbar mit den Zahlen aus dem Jahr 2012. Die Migrationswende sei vollzogen, auch wenn das Thema emotional bei vielen Wählerinnen und Wählern präsent bleibe.
In seiner kurzen Amtszeit seit Jahresbeginn habe er bereits mehrere Reformen angestoßen, betonte der Ministerpräsident:
- Einführung der Bürgerarbeit: Arbeitsfähige Leistungsempfänger erhalten gemeinnützige Tätigkeiten als Gegenleistung
- Schulreform: vier Tage Unterricht, ein Tag Praxis in Unternehmen
- Beginn einer umfassenden Verwaltungsreform nach jahrzehntelangem Stillstand
Dass diese Erfolge in den Umfragen nicht stärker verfangen, erklärt Schulze mit dem emotionalen Narrativ der AfD. Er sieht jedoch Bewegung: Viele frühere AfD-Wähler träten auf ihn zu und überlegten, diesmal anders zu wählen.
Koalitionen, Russland-Anschlag und Spritpreise
Auf die Frage nach möglichen Koalitionen nach dem Wahltag blieb Schulze bei seiner Linie: Zunächst müsse das Ergebnis abgewartet werden. Das BSW schließt er faktisch aus – er geht davon aus, dass dessen Abgeordnete im Zweifel den AfD-Kandidaten zum Ministerpräsidenten wählen würden.
Den mutmaßlich russisch gesteuerten Drohnenanschlagsversuch in Leipzig wertete Schulze als klares Signal: Der Staat müsse Verantwortliche benennen und Konsequenzen ziehen. Dennoch solle die Sicherheitspolitik des Bundes die Wahlentscheidung in Sachsen-Anhalt nicht dominieren – die Menschen dort wählten nach sachsen-anhaltischen Themen.
Beim Thema Spritpreise zeigte er sich skeptisch gegenüber dem Vorschlag eines Tankdeckels nach luxemburgischem Vorbild, finanziert durch eine Übergewinnsteuer. Er halte die aktuellen Preise für dauerhaft nicht tragbar, zweifle aber an der praktischen Umsetzbarkeit einer Übergewinnsteuer bei international agierenden Konzernen.
Ob Schulze nach dem 6. September als Ministerpräsident weiterregiert, hängt maßgeblich davon ab, ob die AfD die absolute Mehrheit verfehlt. Der CDU-Politiker gibt sich kämpferisch: „Ich möchte, dass wir Sachsen-Anhalt weiter vernünftig regieren” – und wirbt bis zur letzten Minute um Erst- wie Zweitstimmen für seine Partei.
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