Dieses Video wurde am 11.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bundeskanzler Friedrich Merz steht unter erheblichem Druck – und der kommt vor allem aus den eigenen Reihen. Der Merz Autoritätsverlust innerhalb von CDU und Bundestagsfraktion nimmt konkrete Formen an: Haushälter verweigern die Gefolgschaft bei zentralen Steuervorhaben, Ministerpräsidenten lassen Einladungen platzen, und die Fraktion probt offen den Aufstand. Politisch turbulente Wochen zeichnen sich ab – mit unklarem Ausgang für den Kanzler.
Haushälter und Agrarpolitiker verweigern die Gefolgschaft
Besonders deutlich wird der innerparteiliche Widerstand beim Thema Zuckersteuer: Alle zwölf Agrarpolitiker der Unionsfraktion haben angekündigt, dieses Vorhaben nicht mitzutragen. Das ist politisch brisant, denn die gesamte Koalition verfügt nur über einen Vorsprung von zwölf Stimmen. Die Zuckersteuer ist damit in ihrer aktuellen Form faktisch nicht mehrheitsfähig.
Ähnliches gilt für die von Finanzminister Lars Klingbeil geplante Minientlastung bei der Einkommensteuer. Auch hier verweigern Unionshaushälter die Zustimmung. Dazu kommt: Eine Milliarde Euro, die Merz auf internationalem Parkett für einen Regenwaldfonds in Brasilien zugesagt hatte, wurde von den eigenen Haushältern schlicht gestrichen – ohne Abstimmung, ohne klare Kommunikationsstruktur.
Kritiker verweisen auf ein grundsätzliches Problem: Zusagen des Kanzlers auf der Weltbühne können innenpolitisch nicht mehr als gesichert gelten, wenn die eigene Fraktion die Finanzierung verweigert.
Ministerpräsidenten lassen Merz beim Wahlabend stehen
Ein weiteres Zeichen des schwindenden Ansehens war der Wahlabend nach der jüngsten Landtagswahl. Merz hatte die Ministerpräsidenten der Union zu sich eingeladen – nahezu alle sagten ab. Nur einer erschien. Das Fernbleiben lässt sich kaum anders deuten als ein öffentliches Signal der Distanz: Niemand will mit einer Wahlniederlage politisch in Verbindung gebracht werden.
Die Körpersprache des Kanzlers bei öffentlichen Auftritten in dieser Zeit – darunter ein viel beachteter Montags-Auftritt – wird als Zeichen dafür gewertet, dass Merz sich seiner geschwächten Position durchaus bewusst ist. Das Bild eines Regierungschefs, der die Kontrolle über seine Hausmacht verloren hat, verdichtet sich.
Fraktionschef Frei kann den Aufstand nicht bremsen
Mit Thorsten Frei hat die CDU/CSU-Fraktion einen neuen Vorsitzenden – doch die Erwartung, er werde die aufmüpfigen Abgeordneten schnell auf Linie bringen, dürfte sich als illusorisch erweisen. Die Gründe dafür sind strukturell:
- Viele Abgeordnete, besonders jüngere, bangen um ihre Wahlkreise – aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass sie bei der nächsten Wahl nicht mehr einziehen würden.
- Der ehemals sichere „schwarze Süden” ist keine zuverlässige Bastion mehr.
- Persönliche Karriereinteressen wiegen schwerer als Fraktionsdisziplin.
- Die Fraktion ist insgesamt selbstbewusster geworden als in früheren Legislaturen.
- Disziplinierungsmaßnahmen von oben verlieren ihre Wirkung, wenn die Wiederwahl ohnehin ungewiss ist.
Die Abgeordneten kalkulieren schlicht: Wer seinen Wahlkreis zu verlieren droht, hat wenig zu verlieren, wenn er dem Kanzler die Gefolgschaft aufkündigt.
Merz muss mit Klingbeil brechen – oder weiter sinken
In der politischen Analyse verdichtet sich ein zentraler Befund: Der Widerstand aus der Unionsfraktion richtet sich weniger gegen Merz persönlich als gegen den Koalitionskurs – und damit indirekt gegen SPD-Chef Lars Klingbeil. Merz wird dafür abgestraft, dass er Klingbeils Steuer- und Haushaltspläne bislang mitgetragen und den SPD-Vorsitzenden politisch gedeckt hat.
Gleichzeitig wächst innerhalb der SPD der Druck auf Co-Parteichefin Saskia Bas, endlich konkrete Gesetze zur Rentenreform vorzulegen. Auch die SPD ist also intern unter Zugzwang.
Für Merz bedeutet das: Will er die Kontrolle über seine Fraktion zurückgewinnen, muss er sich klar vom bisherigen Koalitionskurs distanzieren und Klingbeils Vorhaben entschiedener entgegentreten. Tut er das nicht, riskiert er, gemeinsam mit einem geschwächten Koalitionspartner weiter an Autorität zu verlieren. Ob der Kanzler diese Kurskorrektur noch vollziehen kann und will, wird die politische Agenda der kommenden Wochen bestimmen.
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