Dieses Video wurde am 12.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Am Wahlabend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt spielte der offizielle YouTube-Kanal der AfD, AfD TV, mehr als viereinhalb Stunden lang Musik – darunter Lieder, die dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind. Besonderes Aufsehen erregt ein SS-Treuelied, das bereits einmal parteiintern für einen Rügefall gesorgt hatte. Nun begleitet genau dieses Lied den Jubel über das stärkste Wahlergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt. Recherchen des WELT-Politikredakteurs Frederik Schindler beleuchten, was im Stream zu hören war und was das politisch bedeutet.
Was im AfD-Stream zu hören war
Der Kanal AfD TV verfügt über knapp 400.000 Abonnenten und gilt als offizielle Plattform der Bundespartei. In dem mehrstündigen Wahlabend-Livestream füllte ein KI-Musikprojekt eines ehemaligen Funktionärs der Identitären Bewegung große Teile des Abendprogramms. Die KI generierte Neuinterpretationen bestehender Lieder – darunter jedoch hochgradig problematische Titel.
Konkret waren folgende Inhalte zu hören:
- Ein Lied des Neonazi-Liedermachers Frank Rennike namens „Deutsche Verzweiflung”, erschienen in den 1990er-Jahren auf einem später indizierten Album. Rennike kandidierte in den 2000er-Jahren für die NPD bei der Bundespräsidentenwahl.
- Eine KI-Vertonung eines Gedichts aus dem Jahr 1814, das die SS später als ihr Treuelied nutzte – bekannt als „SS-Treuelied”.
- Volkslieder und Heimatlieder, die ursprünglich von nationalsozialistischen Komponisten stammen, von denen es dokumentierte Bekenntnisse zu Adolf Hitler gibt, sowie Lieder, in denen die einstigen deutschen Ostgebiete besungen werden.
Das SS-Treuelied und der parteiinterne Vorläufer
Besonders brisant ist, dass das SS-Treuelied innerhalb der AfD keineswegs ein unbekanntes Thema ist. Der AfD-Bundesvorstand hatte in der Vergangenheit einen Jugendfunktionär ausdrücklich gerügt, weil dieser die Liedzeile „und wenn wir alle untreu werden” verwendet hatte. Im Rahmen eines Ausschlussantrags stellte die Parteispitze fest, man solle es schlechthin unterlassen, sich auf dieses Lied zu beziehen, da die Gefahr bestehe, es werde als SS-Lied ausgelegt.
Nun war exakt dieses Lied im Livestream der Bundespartei zu hören – und das ausgerechnet in der Wahlnacht, die die AfD als historischen Erfolg feiert. Die Partei äußerte sich auf Anfrage nicht dazu, wie es zu dieser Auswahl kommen konnte.
KI-Versehen oder politisches Signal?
Die Frage, ob der Vorfall als technisches Versehen abgetan werden kann, beantwortet Schindler mit Skepsis. Zwar ist nicht davon auszugehen, dass der AfD-Bundesvorstand jeden einzelnen Titel im Livestream vorab prüfte. Doch das gesamte Musikprogramm war einem KI-Projekt anvertraut worden, dessen Urheber eindeutig der Identitären Bewegung entstammt – einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuften Organisation.
Die bewusste Auswahl eines solchen Musikprojekts für den Wahlabend der Bundespartei wirft damit grundsätzliche Fragen zur inhaltlichen Kontrolle und zum politischen Selbstverständnis auf. Konsequenzen innerhalb der Partei sind bislang nicht absehbar; ein Kommentar des AfD-Bundesverbands blieb aus.
Koalitionspoker in Sachsen-Anhalt: AfD sucht Partner
Parallel zum Musikskandal läuft die politische Machtarithmetik in Erfurt auf Hochtouren. Die AfD hat den Regierungsauftrag erhalten, ihr fehlen aber noch drei Sitze zur absoluten Mehrheit im Landtag. Die Frist für die Wahl eines neuen Ministerpräsidenten endet am 6. Oktober.
Erste Sondierungsgespräche laufen auf zwei Gleisen:
- Mit dem BSW, das eine Koalition zwar vor der Wahl ausdrücklich ausgeschlossen hatte, dies zuletzt aber nicht mehr eindeutig wiederholte.
- Mit einzelnen CDU-Abgeordneten, mit denen bereits vor Wochen – ohne Wissen der Fraktionsspitze – Kontakt aufgenommen worden sein soll.
Innerhalb der AfD wird die Spaltung der CDU-Fraktion, sichtbar am knappen Ergebnis bei der Wahl des Fraktionsvorsitzenden Sven Schulze, als mögliches Einfallstor betrachtet. Ob einzelne Abgeordnete bereit wären, ihre Fraktion zu verlassen, gilt jedoch als offen.
Der Musikskandal vom Wahlabend dürfte die Koalitionsverhandlungen zusätzlich belasten – sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch im Verhältnis zu potenziellen Partnern. Ob die AfD ihren Anspruch auf die Regierungsführung tatsächlich einlösen kann, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Der Vorfall um das SS-Lied jedenfalls verdeutlicht einmal mehr, wie schmal der Grat zwischen parteioffiziellen Kanälen und rechtsextremen Netzwerken im AfD-Umfeld ist.
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