Dieses Video wurde am 12.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der langjährige CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach hat seine Partei eindringlich zu mehr Geschlossenheit und einem CDU-Neustart aufgerufen. In einem Interview warnte er vor den Folgen öffentlicher Machtkämpfe kurz vor wichtigen Landtagswahlen und übte zugleich scharfe Kritik am Kurs der SPD innerhalb der Bundesregierung. Bosbach, nach eigenen Angaben seit über 50 Jahren CDU-Mitglied, erklärte, er erkenne die eigene Partei kaum noch wieder. Die Skepsis der Bevölkerung gegenüber Kanzler Friedrich Merz sei kein zufälliges Phänomen, sondern das Ergebnis einer hausgemachten Krise.
Blanke Nerven in der CDU vor den Landtagswahlen
Neun Tage vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin forderte Bosbach von seiner Partei volle Konzentration auf die Wahlkämpfe. Statt sich gegenseitig öffentlich mit Briefen, Brandbriefen und Rücktrittsfordrungen zu überziehen, sollten die innerparteilichen Debatten in den zuständigen Gremien geführt werden – und erst nach dem 21. September.
Bosbach sieht in der derzeitigen Unruhe ein Muster, das sich bereits aus der gescheiterten Ampelkoalition kennen lässt: Die Bevölkerung wende sich von Parteien ab, die mehr mit sich selbst beschäftigt seien als mit den Alltagsproblemen der Menschen. „Wenn Parteien auch nur den Eindruck erwecken, sie würden sich mehr mit sich selber beschäftigen als mit den Problemen der Menschen draußen, dann werden sie weiter an Zustimmung verlieren”, so Bosbach.
Den Eindruck, in der Partei seien die Nerven blank, bestätigt er mit Blick auf die Vorgänge in der CDU Sachsen-Anhalt, die er als warnendes Beispiel heranzieht.
Solidarität mit Merz – aber Neustart beim Stil
Trotz aller Kritik stellt sich Bosbach gegen jene, die Friedrich Merz öffentlich demontieren wollen. Der sogenannte „Kanzler-Beschuss” sei zum Modesport geworden – doch auch der Kanzler habe Anspruch auf Solidarität und Rückhalt aus der eigenen Partei.
Gleichzeitig hält Bosbach inhaltliche und stilistische Veränderungen in der Politikvermittlung für dringend notwendig. Er fordert:
- Interne Debatten in Parteigremien statt öffentlicher Schlammschlachten
- Stärkeren Fokus auf die Alltagssorgen der Bürgerinnen und Bürger
- Einen neuen Stil in der Kommunikation des Kanzlers und der Parteiführung
- Geschlossenheit in den verbleibenden Wochen vor den Landtagswahlen
Eine Mehrheit der Deutschen glaubt laut aktuellen Umfragen nicht mehr daran, dass Merz das reguläre Ende der Wahlperiode erreicht. Bosbach schließt dieses Szenario nicht aus – wenn die Union so weitermache wie bisher.
Koalitionsstreit: SPD und CDU mit gegensätzlichen Weltbildern
Ein zentraler Konflikt in der Großen Koalition ist laut Bosbach der fundamentale wirtschaftspolitische Gegensatz zwischen CDU und SPD. Er verweist auf ein Zitat von Olaf Scholz, wonach der Wohlstand in Deutschland auf dem Sozialstaat basiere. Die Union hingegen vertre die Position, dass Wohlstand auf dem Fleiß der Menschen und der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gründe.
„Das sind zwei völlig verschiedene Politikansätze”, betont Bosbach. Bundesarbeitsministerin Saskia Esken – im Transkript als „Berbelbas” angesprochen, gemeint ist offenbar die SPD-Führung – bemühe sich seit anderthalb Jahren, bei jedem Auftritt zu konterkarieren, was Merz im Interesse des Landes für notwendig erachte.
Neuwahlen hält Bosbach dennoch für unwahrscheinlich: Alle beteiligten Koalitionsparteien hätten schlicht Angst vor dem möglichen Ergebnis. Damit bleibe die Koalition trotz fundamentaler Gegensätze vorerst bestehen – ein Umstand, der die politische Handlungsfähigkeit der Bundesregierung weiter belasten dürfte.
Ausblick: Bewährungsprobe für Union und Koalition
Die kommenden Landtagswahlen werden als erster echter Stimmungstest für die CDU unter Merz nach der Bundestagswahl gelten. Bosbach mahnt, dass die Partei die Chance nutzen müsse, um Vertrauen zurückzugewinnen – nicht durch innerparteiliche Machtspiele, sondern durch inhaltliche Substanz und eine veränderte Kommunikation. Wie die Union aus dieser Doppelkrise aus Koalitionsstreit und parteiinterner Unruhe herausfindet, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob Friedrich Merz eine realistische Perspektive auf eine vollständige Legislaturperiode hat.
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