Dieses Video wurde am 14.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Sind die Arbeitskosten in Deutschland zu hoch? Diese Frage steht im Zentrum einer aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte, die weit über Lohntabellen hinausgeht. IG-Metall-Chefin Christiane Benner und Jörg Rocholl, Präsident der ESMT Berlin und Mitglied der Rentenkommission, vertreten dabei gegensätzliche Positionen – und beleuchten gemeinsam, welche Stellschrauben den Industriestandort Deutschland wirklich entscheiden.
Produktivität und Lohnkosten: Wo steht Deutschland?
Christiane Benner betont, dass Deutschland über Jahrzehnte trotz hoher Löhne wettbewerbsfähig war – dank starker Produktivität, enger Verzahnung von Forschung, Entwicklung und Fertigungskompetenz sowie dem Konzept der Industrie 4.0. Der Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten liege in der Automobilindustrie bei lediglich rund 10,7 Prozent. Für sie ist der Hebel „Arbeit verbilligen” daher zu klein, um die strukturellen Herausforderungen zu lösen.
Rocholl widerspricht partiell: Die Produktivitätszuwächse der letzten Jahre seien nicht mehr ausreichend, um starke Lohn- und Gehaltssteigerungen zu rechtfertigen. Entscheidend sei, dass Unternehmen ihre Investitionen zunehmend ins Ausland verlagerten – nicht nur wegen der Lohnhöhe, sondern weil das Gesamtpaket aus Kosten, Regulierung und Planungssicherheit in Deutschland weniger attraktiv wirke als etwa in Osteuropa.
Chinas Konkurrenz und die Lage der deutschen Industrie
Einig sind sich beide Diskutanten in der Diagnose: Der Einbruch des chinesischen Absatzmarktes, massiv subventionierte chinesische Exporte und die gestiegenen Energiekosten infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. China drückt Fahrzeuge teils unter Herstellungskosten mit bis zu 30 Prozent Rabatten in den europäischen Markt.
Benner fordert deshalb eine konsequente Antidumping-Strategie und Zölle auf chinesische Hybridfahrzeuge. Rocholl ergänzt eine oft übersehene Dimension: Der eigentlich entscheidende Wettbewerb finde nicht direkt zwischen Deutschland und China statt, sondern in Drittstaaten wie Indonesien oder Vietnam – und dort verliere Deutschland seit Jahren Marktanteile an China.
- Chinas Marktanteil in Drittstaaten wächst seit sechs bis sieben Jahren kontinuierlich
- Deutsche Exporte in dieselben Märkte gehen parallel zurück
- Zölle allein schützen nicht auf Drittmärkten – dort zählen weiterhin Kosten und Preis
- Das Mercosur-Abkommen und neue Handelsbeziehungen mit Indien sollen Abhilfe schaffen
- Siemens Energy gilt als positives Beispiel gelungener industrieller Neuausrichtung
Energiepreise, Bürokratie und Industriestrompreis
Als wichtigsten Hebel für den Standort Deutschland benennt Benner den Industriestrompreis. Spanien biete Unternehmen bereits Konditionen von fünf Cent pro Kilowattstunde – ein entscheidender Vorteil, der laut Benner sogar beim Volkswagen-Stellenabbau und der geplanten Batteriezellfertigung in Salzgitter direkt eine Rolle spielt. Günstige Energie würde die gesamte energieintensive Industrie – von Stahl bis Automobil – entlasten.
Rocholl ist beim Industriestrompreis skeptisch: Angesichts langer Investitionshorizonte werde ein zeitlich begrenzter Preiseingriff keine nachhaltigen Investitionsentscheidungen auslösen. Einigkeit herrscht hingegen beim Thema Bürokratieabbau: Genehmigungsverfahren müssen schneller werden, und der Staat müsse Unternehmen aktiver entgegenkommen – in einigen osteuropäischen Ländern werde buchstäblich der rote Teppich ausgerollt.
Innovation als entscheidender Wachstumshebel
Jenseits der kurzfristigen Kostendebatte sind sich Benner und Rocholl einig: Deutschland muss stärker in Innovation und neue Industrien investieren. Das Land verfüge über Kapital und Erfindungsreichtum, scheitere aber oft an der Skalierung neuer Technologien. Die Startup-Szene sei zwar lebendig, aber zu wenige Unternehmen schafften den Sprung zur industriellen Marktreife.
Benner mahnt gleichzeitig, die Beschäftigten in diesem Transformationsprozess nicht zu verlieren. Viele Arbeitnehmer hätten in Zukunftspakten bereits auf Boni und Lohnsteigerungen verzichtet – und erlebten nun dennoch Jobverluste. Die Sorge um den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Kaufkraft der Haushalte dürfe bei aller Reformdebatte nicht ignoriert werden. Was weg ist, ist weg – industrielle Strukturen, so Benner, lassen sich nicht einfach wiederbeleben, wenn sie einmal abgebaut wurden. Der entscheidende Ausweg liegt für beide Experten nicht in Lohnverzicht, sondern in der konsequenten Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit, Handelspolitik und Innovation.
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