PWO-Chef Lazzarini: Deutschland braucht eine Vision

Date:

Dieses Video wurde am 01.05.2026 von WirtschaftsWoche auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Carlo Lazzarini, Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers PWO (Progresswerk Oberkirch), schlägt Alarm: Der Standort Deutschland verliert im internationalen Vergleich rapide an Wettbewerbsfähigkeit. In einem ausführlichen Gespräch mit der WirtschaftsWoche legt der gebürtige Luxemburger konkrete Zahlen auf den Tisch – und fordert von der Bundesregierung einschneidende Reformen statt politischer Kompromissroutine.

Standort Deutschland im Nachteil: Die Kostenrechnung

PWO beschäftigt weltweit rund 3.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an zehn Auslandsstandorten – in Tschechien, Serbien, China, Mexiko, Kanada und einem im Aufbau befindlichen Werk in den USA. Neun dieser Standorte wachsen profitabel. Einer nicht: der Heimatstandort Oberkirch.

Die Ursache sieht Lazzarini klar in den strukturellen Rahmenbedingungen. Für Strom zahlt PWO in Deutschland rund zwei Millionen Euro pro Jahr; in Tschechien sind es 20 Prozent weniger, in Serbien und China sogar 50 Prozent weniger. Beim Steuersatz liegt Deutschland mit 33,83 Prozent auf die Unternehmensgewinne ebenfalls deutlich über Kanada (26 %), den USA (27,5 %) oder Tschechien (21,5 %). Hinzu kommen hohe Sozialabgaben, die kürzeste Jahresarbeitszeit im Vergleich und ein überdurchschnittlicher Krankenstand von fünf bis sechs Prozent – gegenüber 1,8 Prozent in Mexiko und 1,3 Prozent in China.

  • Stromkosten: bis zu 50 % teurer als in Serbien oder China
  • Steuerlast: mit 33,83 % die höchste unter den PWO-Standortländern
  • Krankenstand: 5–6 % in Deutschland vs. 1,3–1,8 % in Asien und Lateinamerika
  • Arbeitszeit: 37,5-Stunden-Woche bei gleichzeitig höchsten Lohnkosten

Lohnverzicht statt Entlassungen: Der PWO-Weg

Anders als viele große Automobilzulieferer setzt Lazzarini nicht auf Massenentlassungen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat – gegen den ausdrücklichen Widerstand der IG Metall – vereinbarte PWO einen Ergänzungstarifvertrag: Die rund 800 Beschäftigten in Oberkirch verzichten auf bis zu 7,6 Prozent ihres Lohns, arbeiten dafür proportional weniger und erhalten im Gegenzug die Garantie, dass betriebsbedingte Kündigungen vorerst ausbleiben.

„Ich hätte es mir einfach machen können und 300 Leute abbauen können”, sagt Lazzarini. „Aber genau das wollte ich nicht.” Die Verhandlungen dauerten rund drei Monate; 80 Prozent der Belegschaft stimmten einer früheren Arbeitszeitregelung zu. Für Lazzarini ist das ein Beleg dafür, dass transparente Kommunikation Beschäftigte mobilisiert – wenn klar vermittelt wird, was sich ein Unternehmen noch leisten kann und was nicht.

Dass die IG Metall die Einschnitte kritisierte, lässt Lazzarini teilweise gelten: Die Belegschaft trage indirekt die Folgen einer schlechten Standortpolitik. Das eigentliche Problem seien jedoch die Rahmenbedingungen, die Kunden dazu trieben, Produktion aus Deutschland zu verlagern – mit entsprechend sinkenden Abrufmengen bei PWO.

China als Wettbewerber: Respekt statt Überheblichkeit

Lazzarini kennt den chinesischen Markt seit drei Jahrzehnten und besucht das Land mehrmals jährlich. Sein Urteil ist nüchtern: China habe sich vom Kopisten zum Technologieführer in mehreren Bereichen entwickelt. „Die haben kopiert, dann verbessert – und jetzt sind sie uns in einigen relevanten Themen voraus.”

In der deutschen Industrie nehme er noch immer eine gewisse Überheblichkeit gegenüber chinesischen Wettbewerbern wahr, besonders in der Automobilbranche. Diese Haltung hält er für gefährlich. Protektionismus sei keine Antwort; die richtige Reaktion sei, den Wettbewerb anzunehmen: „Wettbewerb macht uns alle stärker.” Gleichzeitig betont er, dass China trotz aller politischen Kritik am System ein verlässlicher Win-win-Partner im Geschäftsalltag gewesen sei – anders als gelegentliche Erfahrungen mit nordamerikanischen Partnern.

Was Deutschland jetzt braucht: Eine Legislaturperioden-übergreifende Vision

In seiner Reformforderung geht Lazzarini über einzelne Maßnahmen hinaus. Deutschland brauche keine Flickschusterei, sondern eine langfristige wirtschaftliche Vision, die über Wahlperioden hinaus Bestand hat – ähnlich wie China mit seinen Mehrjahresplänen. „Egal, wer an die Regierung kommt, muss immer an dieser Vision entlang handeln, sonst wird das nichts.”

Als positives Beispiel nennt er sein Heimatland Luxemburg: Das Land habe binnen 25 bis 30 Jahren eine vollständige Deindustrialisierung vollzogen und gleichzeitig ein hochproduktives Dienstleistungsmodell aufgebaut – ohne Stillstand, ohne Besitzstandswahrung. Diesen Mut zum strukturellen Wandel vermisst er in der deutschen Politik. Die aktuelle Koalition aus CDU/CSU und SPD, so Lazzarini, bewege sich noch zu sehr im Modus des kleinsten gemeinsamen Nenners. Die Zeit dafür sei abgelaufen.

Ob die Bundesregierung die nötigen Schritte rasch genug einleiten wird, bleibt für Lazzarini offen. Die Industrie – und mit ihr der gesellschaftliche Zusammenhalt – könne jedoch nicht warten. Produktion, Beschäftigung und sozialer Frieden hängen nach seiner Überzeugung unmittelbar zusammen: Ohne wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen werden weitere Standortverlagerungen folgen – und Werke wie Oberkirch unter Druck geraten, den kein interner Sparkurs dauerhaft auffangen kann.

Dieser Artikel wurde KI-gestützt erstellt und kann Fehler enthalten.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

xxx

Popular

Ähnliche Beiträge
Related