Dieses Video wurde am 09.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Deutschlands Schulen stecken tiefer in der Krise als je zuvor. 25 Jahre nach dem ersten Pisa-Schock zeigen neue Ergebnisse: Schülerinnen und Schüler schneiden in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften so schlecht ab wie nie zuvor. Angesichts dieser Pisa-Misere fordert Politiker Kevin Kühnert ein grundlegendes Umdenken — und sieht den Bund in der Pflicht, endlich Verantwortung zu übernehmen.
Pisa-Misere offenbart Schwäche des Bildungsföderalismus
Das Kernproblem liegt laut Kühnert in den föderalistischen Strukturen des deutschen Bildungswesens. 16 Bundesländer unterhalten 16 unterschiedliche Schulsysteme mit 16 verschiedenen Lehrerausbildungen. Das Ergebnis: ein Flickenteppich aus unvereinbaren Standards, der Schülerinnen und Schüler je nach Wohnort sehr unterschiedliche Chancen bietet.
Statt gemeinsam gegen den grassierenden Lehrermangel vorzugehen, konkurrieren die Länder untereinander um Fachkräfte. Diese Rivalität verschärft das Problem, anstatt es zu lösen. Eine koordinierte nationale Strategie fehlt bis heute.
Die Folgen sind messbar: Deutschland fällt im internationalen Vergleich weiter zurück, während andere Länder ihre Bildungssysteme längst reformiert und zentralisiert gesteuert haben.
Verbindliche Lehrpläne und vergleichbare Abschlüsse als Lösung
Die Forderungen sind klar umrissen. Was Deutschland braucht, sind:
- Bundesweit verbindliche Lehrpläne, die einheitliche Mindeststandards sicherstellen
- Wirklich vergleichbare Schulabschlüsse über alle Bundesländer hinweg
- Konsequente Überprüfung von Bildungsstandards mit echten Konsequenzen bei Zielverfehlung
- Deutlich mehr Investitionen in Schulen insgesamt
- Faire Ausstattung aller Schulen unabhängig vom Standort
Besonders der letzte Punkt trifft einen sozialen Nerv: Der Wohnort eines Kindes darf nicht darüber entscheiden, ob sein Klassenzimmer sauber, modern und gut ausgestattet ist. Bildungsgerechtigkeit ist derzeit jedoch weit entfernt von der Realität.
Bund soll Verantwortung übernehmen
Kühnert sieht die Lösung nicht auf Länderebene, sondern beim Bund. Während die Bildungshoheit der Länder verfassungsrechtlich verankert ist, zeigt die anhaltende Bildungskrise, dass das bisherige System an seine Grenzen gestoßen ist. Ein stärkerer bundespolitischer Rahmen soll das Klein-Klein der 16 Ländersysteme überwinden.
Das bedeutet nicht zwingend eine vollständige Zentralisierung, wohl aber verbindliche nationale Vorgaben, an denen sich alle Länder messen lassen müssen. Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe — dieser Anspruch muss nach Ansicht Kühnerts endlich institutionell verankert werden.
Ob und wie eine solche Kompetenzverschiebung politisch durchsetzbar ist, bleibt die entscheidende Frage. Eine Änderung des Grundgesetzes wäre dafür notwendig — ein Vorhaben, das breite parlamentarische Mehrheiten erfordert.
Ausblick: Reform oder weiterer Absturz?
Die neue Pisa-Runde wirkt wie ein Weckruf, der kaum ignoriert werden kann. Doch Deutschland diskutiert seit einem Vierteljahrhundert über Bildungsreformen — mit überschaubarem Ergebnis. Diesmal steht der Druck für eine strukturelle Neuordnung höher als je zuvor. Ob die Politik daraus konkrete Schritte ableitet oder sich erneut im föderalen Zuständigkeitsgerangel verliert, wird darüber entscheiden, ob die nächste Schülergeneration besser abschneidet als die aktuelle.
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