Dieses Video wurde am 26.08.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Bundesregierung plant, die Zuckersteuer auf weitere Produkte wie Smoothies und Hafermilch auszuweiten. Für den Arzt und Medizinjournalisten Dr. Christoph Specht ist damit eines endgültig klar: Hinter dem Vorhaben steckt kein gesundheitspolitisches Ziel, sondern schlicht der Wunsch, die Haushaltskasse zu füllen. Im Interview erläutert er außerdem, warum auch Zuckerersatzstoffe wie Aspartam keine echte Alternative zu Zucker darstellen und was wirklich gegen übermäßigen Süßkonsum hilft.
Zuckerersatzstoffe: Kein Freifahrtschein für Süßes
Dass übermäßiger Zuckerkonsum dem Körper schadet, ist medizinischer Konsens. Zucker wird im Stoffwechsel in Fett umgebaut, das Körpergewicht steigt, und zahlreiche Folgeerkrankungen können entstehen. Doch auch die vermeintliche Alternative – Süßstoffe wie Aspartam – ist nicht ohne Risiken.
Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Aspartam als „möglicherweise krebserregend für den Menschen” ein. Laut Dr. Specht beruhen diese Befunde allerdings auf Tierversuchen mit sehr hohen Dosen, die sich nicht direkt auf den Menschen übertragen lassen.
Problematischer sei ein anderer Mechanismus: Süßstoffe verstellen das Süßempfinden des Gehirns auf ähnliche Weise wie Zucker selbst. Das kann zu Heißhungerattacken führen. Zudem belastet insbesondere Fruchtzucker die Leber stark – und aktuelle Studien zeigen, dass Zuckerersatzstoffe hier kaum besser abschneiden.
- Aspartam: in Tierversuchen bei hohen Dosen potenziell krebserregend, beim Menschen nicht eindeutig belegt
- Süßstoffe verstellen das Süßempfinden und können Heißhunger auslösen
- Leber reagiert empfindlich auf Zucker und viele Zuckerersatzstoffe
- Medizinische Empfehlung: Süßkonsum insgesamt reduzieren, unabhängig von der Quelle
Zuckersteuer-Ausweitung: Signal mit katastrophaler Wirkung
Ursprünglich war im gesundheitspolitischen Diskurs eine gezielte Zuckerabgabe auf zuckerhaltige Getränke im Gespräch – mit dem Ziel, die Einnahmen direkt der Gesundheitsversorgung zukommen zu lassen. Daran scheiterte der Entwurf jedoch an verfassungsrechtlichen und verwaltungstechnischen Hürden.
Stattdessen soll nun eine breite Steuer eingeführt werden, die auch Produkte wie Smoothies oder Hafermilch erfasst. Für Dr. Specht ist das ein klares Indiz dafür, dass es nicht um Gesundheitsförderung geht: Eine Steuer fließt in den allgemeinen Haushalt und ist nicht zweckgebunden. Die Einnahmenbasis wird bewusst vergrößert, um möglichst viel Geld zu generieren.
Hinzu kommt der sogenannte Ausweicheffekt: In Ländern, wo nur zuckerhaltige Getränke besteuert wurden, wichen Verbraucherinnen und Verbraucher auf Getränke mit Süßstoffen aus. Werden nun beide Kategorien besteuert, entfällt dieser Anreiz – und Konsumenten haben keinen finanziellen Grund mehr, zu weniger süßen Produkten zu greifen.
Das britische Modell: Vorbild oder Trugschluss?
In Großbritannien hat die Zuckersteuer tatsächlich dazu geführt, dass viele Getränkehersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte reduzierten. Dieselbe Limonade enthält auf der Insel heute weniger Zucker als in Deutschland. Könnte dieses Modell hierzulande ähnliche Effekte erzielen?
Dr. Specht mahnt zur Vorsicht. Es sei wichtig zu unterscheiden, ob man lediglich den Zuckerkonsum senken oder die Gesundheit der Bevölkerung verbessern wolle – beides sei nicht dasselbe. Die positiven Gesundheitseffekte der britischen Steuer basieren bislang überwiegend auf Modellierungen und Schätzungen, nicht auf gesicherten Studiendaten.
Erfahrungen aus Mexiko und Dänemark zeigen zudem: Wenn bestimmte Produkte teurer werden, weichen Menschen auf andere gesüßte Lebensmittel aus – der Gesamtkonsum an Zucker sinkt kaum. Einzig bei der Karies bei Kindern habe die britische Steuer relativ schnell messbare Verbesserungen gebracht, räumt der Mediziner ein.
Eigenverantwortung statt Steuerpolitik
Für Dr. Specht bleibt die wirksamste Maßnahme gegen Übergewicht und ernährungsbedingte Erkrankungen die individuelle Verantwortung: den eigenen Süßkonsum bewusst senken – egal ob es sich um Zucker, Süßstoffe oder fruchtzuckerreiche Säfte handelt. Wasser statt gesüßter Getränke sei das einfachste und effektivste Mittel.
Die geplante Ausweitung der Zuckersteuer wird im politischen Prozess noch beraten. Ob sie in der aktuellen Form durchkommt, ist offen. Die Debatte zeigt jedoch, wie schwierig es ist, Gesundheits- und Finanzpolitik sauber zu trennen – und wie wichtig eine transparente Kommunikation über die tatsächlichen Ziele solcher Maßnahmen ist.
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