Dieses Video wurde am 24.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Am 24. August begeht die Ukraine den 35. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit – doch statt Paraden und Festakten prägen Luftalarme und Raketeneinschläge den historischen Tag. Russland beschießt weiterhin ukrainische Städte, darunter Odessa, wo ein Einkaufszentrum in Flammen aufgeht, sowie Grenzregionen im Nordosten des Landes. Wo Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Rede hält, bleibt aus Sicherheitsgründen bis zuletzt geheim. Rund 40 Staaten entsenden dennoch Vertreter nach Kiew, um ihre Solidarität zu bekunden.
Kiew halb leer – Zivilbevölkerung flieht vor Raketen
Der ukrainische UN-Botschafter Andrij Melnyk zeichnet ein bedrückendes Bild der Lage in der Hauptstadt. Gerade aus Kiew nach New York zurückgekehrt, berichtet er von Zuständen, die ihn an die dramatischen Wochen im Frühjahr 2022 erinnern.
„Die Stadt ist halb leer. Die Menschen bangen um ihr Leben und versuchen, Kiew zu verlassen”, sagt Melnyk. Während einer einwöchigen Botschafterkonferenz habe es fast jede zweite Nacht Beschuss mit ballistischen Raketen gegeben – mit vielen Todesopfern und Verletzten.
Besonders alarmierend: Die Intensität der russischen Angriffe wächst, nicht nur in Kiew, sondern entlang der gesamten Frontlinie. Melnyk fordert, den Himmel über der Ukraine endlich zu schließen – durch verbesserte Luftverteidigung und konsequente Unterstützung der Verbündeten.
Großbritanniens Stormshadow-Pläne und die Taurus-Frage
Für Aufsehen sorgt eine Ankündigung aus London: Der britische Premier Andy Burnham will der Ukraine geheime Baupläne für den Stormshadow-Marschflugkörper überlassen. Die Ukraine könnte die Präzisionswaffen damit künftig eigenständig produzieren und Ziele weit im russischen Hinterland bekämpfen.
Melnyk begrüßt die Entscheidung ausdrücklich, mahnt aber zur Geduld: Es werde noch Monate dauern, bis die Ukraine tatsächlich in der Lage sei, die Raketen selbst herzustellen. Umso dringlicher sei es, dass andere Verbündete jetzt handeln.
Den Blick richtet er dabei auf Berlin. Deutschland hat den Taurus-Marschflugkörper – das deutsche Äquivalent zum Stormshadow – bislang nicht geliefert. Melnyk appelliert an die Bundesregierung, diese Entscheidung erneut zu prüfen:
- Taurus-Systeme könnten russische Abschussstellungen für ballistische Raketen präzise ausschalten.
- Eine Lieferung wäre nach Melnyks Worten „heute oder morgen” möglich.
- Bundeskanzler Friedrich Merz betonte zwar per Videoschalte Deutschlands Unterstützung, hielt aber an der Zurückhaltung bei Taurus fest.
Koalition der Willigen und internationale Solidarität
In Kiew tagt an diesem Jahrestag die sogenannte Koalition der Willigen, um weitere Hilfen für die Ukraine zu koordinieren. Merz ist per Videokonferenz zugeschaltet und betont auf der Plattform X Deutschlands unverrückbare Unterstützung.
Aus Washington reist Keith Kock, Trumps Sondergesandter, persönlich an. Seine Botschaft an die Ukraine: „Vor 35 Jahren haben Sie sich für die Freiheit entschieden. Heute verteidigen Sie sie.” Außenminister Johann Wadefu besucht am Wochenende die Frontstadt Charkiw – zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt reist er damit unmittelbar in Frontnähe.
Drohende russische Mobilmachung als neue Herausforderung
Neben dem anhaltenden Raketenbeschuss bereitet Melnyk eine weitere Entwicklung Sorgen: eine erneute große Mobilisierungswelle in Russland. Beobachter gehen davon aus, dass Moskau nach den russischen Regionalwahlen im September Zehntausende neue Soldaten einberufen wird.
„Das ist eine Herausforderung für uns, kein Zweifel”, sagt Melnyk. Er hofft, dass viele Russen das Land noch rechtzeitig verlassen können, bevor die Grenzen geschlossen werden. Gleichzeitig sieht er in der Zwangsmobilmachung ein mögliches innenpolitisches Risiko für Wladimir Putin: Sie könnte den Rückhalt für den Krieg in der russischen Bevölkerung weiter erodieren lassen.
Die Ukraine bereitet sich militärisch auf die zu erwartende Truppenverstärkung vor. Melnyk betont, dass Russland entlang der Frontlinie in einer Pattsituation stecke und den Durchbruch offenbar nur durch den massiven Einsatz von Menschen als „Kanonenfutter” erzwingen wolle. Ob die internationale Gemeinschaft der Ukraine rechtzeitig die nötigen Mittel bereitstellt, um diesem Szenario standzuhalten, wird in den kommenden Wochen zur entscheidenden Frage.
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