Dieses Video wurde am 24.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Großbritannien hat entschieden, geheime technische Informationen zur Storm Shadow-Marschflugrakete an die Ukraine weiterzugeben. Ziel ist es, Kiew in die Lage zu versetzen, das weitreichende Waffensystem künftig eigenständig zu produzieren. Sicherheitsexperte Nico Lange bewertet den Schritt als strategisch folgerichtig — und als Signal, das weit über die Ukraine hinausweist. Der Schritt fällt auf den 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine, an dem auch ein Treffen der sogenannten Koalition der Willigen stattfand.
Was ist die Storm Shadow und warum ist sie so wichtig?
Die Storm Shadow ist eine weitreichende Marschflugrakete britisch-französischer Bauart, die große Schäden an schwer geschützten Zielen anrichten kann. Sie ist in ihren Fähigkeiten dem deutschen Taurus-Marschflugkörper vergleichbar — einer Waffe, die Deutschland bislang nicht an die Ukraine geliefert hat.
Entscheidend ist die Reichweite: Beide Systeme ermöglichen Präzisionsangriffe auf strategisch wichtige Ziele tief im feindlichen Hinterland. Für die Ukraine bedeutet das konkret die Fähigkeit, russische Rüstungsinfrastruktur anzugreifen — etwa Produktionsstätten für ballistische Raketen oder Lager für Raketenkomponenten und Feststofftriebwerke.
Die Ukraine verfügt zwar über eigene Drohnen und Raketen kürzerer Reichweite, denen fehlt jedoch die Durchschlagskraft moderner westlicher Marschflugkörper, um besonders gehärtete Ziele zu treffen.
Das Ungleichgewicht bei der Raketenabwehr
Ein zentrales Problem im Ukraine-Krieg ist das drastische Missverhältnis zwischen russischer Angriffskapazität und ukrainischer Verteidigungsfähigkeit. Die Zahlen machen das Ausmaß deutlich:
- Russland produziert jährlich über 700 ballistische Raketen.
- Weltweit werden lediglich rund 600 Abwehrraketen pro Jahr hergestellt.
- Die Nachfrage nach Luftabwehrsystemen übersteigt das globale Angebot bei weitem.
Dieses Defizit kann kurzfristig nicht durch mehr Abwehrraketen geschlossen werden. Der einzig realistische Gegenzug ist daher, die russische Raketenproduktion selbst zu verlangsamen oder zu stören — genau das, wozu Storm Shadow und Taurus geeignet sind.
Nico Lange betont: Putins Strategie sendet eine klare Botschaft — nicht nur an Kiew, sondern an ganz Europa: Ihr könnt eure Städte nicht vor ballistischen Raketen schützen. Umso wichtiger sei es, an der Quelle des Problems anzusetzen.
Europäisches Sicherheitsinteresse statt bloßer Ukraine-Hilfe
Die Freigabe der Konstruktionsdaten ist auch aus einem anderen Grund bedeutsam: Großbritannien überträgt damit keine eigenen Waffenbestände in die Ukraine, sondern befähigt das Land zur eigenständigen Produktion. Dieser Ansatz — vor Ort investieren statt liefern — ist schneller, kosteneffizienter und reduziert die direkte Einbindung des Geberlands in Kampfhandlungen.
Russlands Drohung, Waffenlieferanten als Kriegsparteien zu betrachten, bezeichnet Lange als wirkungslose Rhetorik. Seit Jahren führe Moskau einen hybriden Krieg gegen westliche Staaten — von Cyberangriffen bis zu Sabotageakten —, ohne dass westliche Unterstützung für die Ukraine zu einer direkten Eskalation geführt hätte. Die Lieferung von Schützenpanzern, Artillerie oder Munition habe keinen Dritten Weltkrieg ausgelöst.
Für Lange ist die Konsequenz klar: Auch Deutschland sollte die Weitergabe von Technologie für den Taurus-Marschflugkörper ernsthaft prüfen. Das sei kein Beitrag zu Eskalation, sondern genuines europäisches Sicherheitsinteresse — denn eine geschwächte russische Raketenindustrie schütze letztlich ganz Europa.
Koalition der Willigen: Mehr als Symbolik gefragt
Das Treffen der sogenannten Koalition der Willigen am ukrainischen Unabhängigkeitstag stand unter dem Druck konkreter Erwartungen. Lange mahnte, dass bloße Symbolik angesichts der militärischen Lage nicht ausreiche. Die Ukraine brauche nicht Erklärungen der Solidarität, sondern Werkzeuge, die den Kriegsverlauf tatsächlich beeinflussen können.
Die britische Entscheidung zur Freigabe der Storm-Shadow-Daten könnte dabei als Blaupause dienen: Technologietransfer statt Direktlieferung, Befähigung statt Abhängigkeit. Ob andere Verbündete — allen voran Deutschland mit dem Taurus — diesem Weg folgen, bleibt eine der drängendsten offenen Fragen der europäischen Sicherheitspolitik.
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