Dieses Video wurde am 24.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die VW-Krise verschärft sich: Während Betriebsräte und Niedersachsens Ministerpräsident in Hannover um die Zukunft der Volkswagenstandorte ringen, lässt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöfer kein gutes Haar an der aktuellen Konzernstrategie. Im Mittelpunkt stehen ein drohender Stellenabbau von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland sowie die Frage, ob Konzernchef Oliver Blume überhaupt eine überzeugende Vision für die Zukunft des Unternehmens hat.
Existenzängste an den VW-Standorten
In Hannover – dem Herz der Nutzfahrzeugproduktion im VW-Konzern – wächst die Unruhe unter der Belegschaft. Die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo berichtete von konkreten Existenzängsten: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen, ob sie ihre Häuser noch halten können, ob sie ihren Familien eine Perspektive bieten können. Der Standort Hannover gilt in der öffentlichen Debatte als einer der gefährdeten Werke im Konzern.
Cavallo machte deutlich, dass der Betriebsrat bereit ist, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten – aber nicht gegen die Belegschaft. Sie forderte den Konzernvorstand auf, ab sofort direkt mit den Beschäftigten zu sprechen und das geplante Konzernprogramm transparent zu erläutern, statt durch undurchsichtige Kommunikation zusätzliche Verunsicherung zu schüren.
Niedersachsens Ministerpräsident unterstrich die überragende wirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie für das Land und verwies auf den erfolgreichen „niedersächsischen Weg”: zusammensetzen, gemeinsam Lösungen finden – so wie es beim Tarifabschluss 2024 gelungen sei.
Dudenhöfer: „Das ist eine Antivision”
Automobilwirtschaftsexperte Ferdinand Dudenhöfer urteilte scharf: Seit Jahren sende Volkswagen nur eine Botschaft – „Wir sind zu teuer, wir miniaturisieren uns, wir schmeißen Leute raus.” Das sei keine Vision, sondern eine „Antivision”, die selbst treue VW-Käufer verunsichere.
Dudenhöfer zog den historischen Vergleich zur Krise von 1993: Damals habe VW-Chef Ferdinand Piëch gemeinsam mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder die berühmte Vier-Tage-Woche eingeführt – ein schmerzhafter, aber solidarischer Schritt, bei dem alle Beteiligten Lohneinbußen akzeptierten. Das Ergebnis: Der Konzern überlebte die Krise und wuchs anschließend. Dudenhöfer vermisst heute einen vergleichbar mutigen, gemeinschaftlichen Ansatz.
Strategie versteht kein Mensch
Besonders deutlich wurde Dudenhöfer beim Blick auf die Gesamtstrategie des Konzerns. Seine Kritikpunkte im Überblick:
- Kein klares Zielbild: Welche Werke schließen wann – niemand weiß es.
- Zwei Jahre Negativkommunikation verunsichern Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen.
- Statt Wachstumsstrategie dominiert Schrumpfen – mit dem Risiko, Skalenvorteile zu verlieren.
- Auch bei Audi und Porsche sei die Tendenz zum Kleinerwerden seit Jahren zu beobachten.
- Kein Automobilhersteller wie Toyota kommuniziere so öffentlich Kapazitätskürzungen in dieser Größenordnung.
Der Experte erinnerte zudem daran, dass der globale Automobilmarkt nicht gesättigt sei. In China kämen derzeit rund 250 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner – in Deutschland sind es 600. Mit weiterem Wirtschaftswachstum bestehe erhebliches Absatzpotenzial, das VW durch eine Schrumpfstrategie zu verspielen drohe.
Betriebsversammlung als Bewährungsprobe für Blume
Am Tag nach der Pressekonferenz sollte Konzernchef Oliver Blume auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg persönlich Rede und Antwort stehen, weitere Versammlungen – etwa in Hannover – folgten. Der Betriebsrat besteht darauf, dass Blume und der gesamte Vorstand sich unmittelbar an die Belegschaften wenden.
Dudenhöfer zeigte sich skeptisch, dass dabei ein wirklicher Stimmungswandel gelingt: Er erwartet eher, dass das Bild eines Konzerns im Überlebensmodus fortgeschrieben wird – ein Konzern, der Werke gegeneinander ausspielt, ohne ein positives Zukunftsbild zu zeichnen. Für einen Traditionshersteller mit jahrzehntelanger Geschichte sei das ein gefährlicher Kurs. Ob VW es schafft, aus dem Krisenmodus herauszufinden und wieder offensiv in die Zukunft zu investieren, wird sich in den kommenden Tarifverhandlungen und Betriebsversammlungen der nächsten Wochen entscheiden.
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