Dieses Video wurde am 26.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die VW-Krise spitzt sich zu, und Autopapiere-Expertin Beatrix Heim, Direktorin des Center Automotive Research in Duisburg, schlägt Alarm: Weder das Versprechen des Betriebsrats, betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern, noch die politischen Schutzversprechen des niedersächsischen Ministerpräsidenten reichen nach ihrer Einschätzung aus, um den Konzern dauerhaft wettbewerbsfähig zu halten. Es brauche Einschnitte auf allen Seiten – und einen gemeinsamen Weg aller Beteiligten.
Blumes Krisenrhetorik: Realität oder Kalkül?
VW-Vorstandschef Oliver Blume hatte mit alarmierenden Worten auf den Zustand des Konzerns aufmerksam gemacht. Beatrix Heim bewertet diese Kommunikation als eine Mischung aus beidem: echte Lageeinschätzung und strategisches Mittel, um Politik und Betriebsrat von schmerzhaften Maßnahmen zu überzeugen.
Tatsächlich sei es bei einem Konzern dieser Größe unerlässlich, frühzeitig zu planen. Investitionen in neue Technologien, Produktplanung und die Fähigkeit, flexibel auf eine schwierige geopolitische Lage zu reagieren, seien keine Optionen, sondern Notwendigkeiten. Druck komme dabei aus mehreren Richtungen gleichzeitig – von den USA über China bis zu strukturellen Verschiebungen auf den globalen Automobilmärkten.
Zu viele Kapazitäten, zu wenig Absatz
Ein zentrales Problem der VW-Krise ist laut Heim die Überkapazität. Weltweit werden weniger Fahrzeuge gekauft – eine Entwicklung, die nicht nur Volkswagen, sondern die gesamte Branche betrifft. Werke, die nicht ausgelastet sind, verursachen hohe Kosten für Leerstände und Personal ohne ausreichende Auslastung.
- Sinkende Fahrzeugverkäufe in nahezu allen Märkten
- Wachsender Konkurrenzdruck durch chinesische Hersteller
- Zu hohe Produktionskapazitäten in Europa und China
- Steigende Kosten durch unausgelastete Werke und Doppelstrukturen
Einfach so weiterzumachen wie bisher – das sei keine Option, betont die Expertin. Wer sich hinstelle und erkläre, Schließungen und Stellenabbau seien grundsätzlich ausgeschlossen, blockiere notwendige Anpassungen.
Werke schließen oder umwidmen?
Heim differenziert jedoch bei der Frage nach Werksschließungen. Eine Schließung sei nicht zwingend das einzige Mittel. Standorte könnten auch umgewidmet oder von anderen Unternehmen – etwa aus dem Bereich anderer Industrien oder mit chinesischen Joint-Venture-Partnern – weiter betrieben werden. Als konkretes Beispiel nennt sie Osnabrück, wo bereits nach Alternativen gesucht wird.
Grundsätzlich hält Heim den Volkswagen-Konzern für zukunftsfähig. In den vergangenen Jahren habe er sich erkennbar transformiert, neue Technologien und zeitgemäße Designs entwickelt. Das Potenzial sei vorhanden – doch es müsse durch strukturelle Anpassungen abgesichert werden.
Einschnitte auf allen Ebenen – auch im Management
Heim verweist auf ein historisches Vorbild: In den 1990er-Jahren stand Volkswagen schon einmal vor ähnlichen Herausforderungen. Damals fand man mit der Einführung der Vier-Tage-Woche bei reduzierten Löhnen einen Kompromiss, der Massenentlassungen verhinderte. Ein solches Modell des gemeinsamen Tragens von Lasten könnte auch jetzt Vorbild sein.
Wichtig sei aber, dass Einsparungen nicht nur die Produktionslinie treffen. Auch im Management und Vertrieb gebe es Doppelstrukturen zwischen Konzernebene und einzelnen Marken, die abgebaut werden könnten. Alle Beteiligten – Unternehmensführung, Betriebsrat und Politik – müssten bereit sein, Kompromisse einzugehen.
Heim zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass ein gemeinsamer Weg gefunden wird – schon allein deshalb, weil alle Seiten ein starkes Interesse daran hätten, Volkswagen als deutschen Industrieanker zu erhalten. Die entscheidende Voraussetzung dafür: Alle Zahlen müssen offen auf den Tisch, und niemand darf sich vorab auf maximale Schutzzusagen festlegen.
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