Dieses Video wurde am 26.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Zwei Tage lang hat sich das Bundeskabinett auf Schloss Neuardenberg zur Kabinettsklausur zurückgezogen – und sendet danach ein klares Signal: Bundeskanzler Friedrich Merz, Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil sowie CSU-Innenminister Alexander Dobrindt beschworen auf der anschließenden Pressekonferenz Aufbruchsstimmung, wirtschaftlichen Optimismus und den entschlossenen Umbau Deutschlands. Im Mittelpunkt standen die Themen Innovation, Künstliche Intelligenz, Wettbewerbsfähigkeit und der Umgang mit dem Hitzesommer 2026.
Merz: Raus aus dem Missmut, rein in die Zuversicht
Bundeskanzler Merz mahnte in seiner Eröffnungsrede einen grundlegenden Stimmungswandel in Deutschland an. „Wir müssen raus aus diesem Klima der Verdrießlichkeit”, sagte er und verwies auf steigende Wachstumszahlen: Der Geschäftsklimaindex sei im August überraschend stark gestiegen – bereits zum vierten Mal in Folge. Die Wirtschaft wachse im dritten Quartal, und die Prognosen für 2027 würden nach oben korrigiert.
Merz betonte, Deutschland befinde sich nach drei Jahren Rezession wieder auf Wachstumskurs – trotz des Kriegs in der Ukraine, trotz globaler Handelskonflikte und trotz eines schwierigen außenpolitischen Umfelds. Als weiteres positives Signal nannte er die Gründungszahlen: Noch nie hätten so viele junge Menschen in Deutschland ein Unternehmen gegründet wie derzeit.
Die Kabinettsklausur solle auch ein Impuls an die Koalitionsfraktionen und die Bevölkerung sein: „Wir sind auf dem richtigen Kurs”, so der Kanzler. Kernthemen der Klausur seien neben Innovation auch bereits vor der Sommerpause beschlossene Reformen bei Rente, Steuern, Gesundheit und Bürokratieabbau.
Klingbeil: 500-Milliarden-Paket als Wachstumsmotor
Finanzminister Klingbeil unterstrich die wirtschaftspolitische Linie der Regierung und nannte das 500-Milliarden-Investitionspaket als entscheidenden Impuls: „Ohne diese Investitionsoffensive wären wir in einer Rezession.” Von den 500 Milliarden seien bereits 50 Milliarden auf den Weg gebracht worden.
Konkrete Projekte aus dem Sondervermögen umfassen laut Klingbeil unter anderem:
- Modernisierung von Bahnstrecken für mehr Pünktlichkeit und Sicherheit
- Sanierung von Schulgebäuden und Kitas
- Modernisierung von Krankenhäusern
- Erhöhung der Investitionen in Forschung und Entwicklung um 60 Prozent bis 2027
- Förderung von KI- und Chip-Produktion in Deutschland
Klingbeil kündigte zudem eine Einkommensteuerreform an, die in der nächsten Kabinettsitzung eingebracht werden soll. Familien mit zwei Kindern sollen demnach um rund 600 Euro jährlich entlastet werden.
Hitzeschutz: Geld vorhanden, Koordination gefordert
Ein zentrales Thema der Kabinettsklausur war der Hitzesommer 2026 mit rund 14.000 Hitzetoten. Merz betonte, es mangele nicht an Programmen und auch nicht an Geld. Den Bundesländern seien bereits 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für Klimaschutz und Klimaanpassung zugewiesen worden. Hinzu kämen 100 Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds des Bundes.
Dennoch mahnte Merz eine bessere Koordination an: Staatssekretär Philip Amthor soll gemeinsam mit den Ländern konkrete Vorschläge erarbeiten und die Mittelverwendung transparenter machen. Zudem sollen aus dem Hitzesommer Lehren gezogen werden – etwa bei der Vorsorge für Waldbrände und der Ausstattung der Feuerwehren.
Dobrindt und die Sicherheitsarchitektur der Zukunft
Innenminister Dobrindt rückte das Thema innere Sicherheit und Widerstandsfähigkeit in den Vordergrund. Deutschland sei von einer abstrakten auf eine hohe Gefährdungslage hochgestuft worden. Als Reaktion darauf plane die Regierung eine Reform der Nachrichtendienste hin zu echten Geheimdiensten, den Ausbau der Drohnenabwehr, die Stärkung des Cyberdoms sowie den Aufbau von Polizeikräften und Verfassungsschutz.
Dobrindt verknüpfte Sicherheitspolitik eng mit dem wirtschaftlichen Dreiklang der Klausur: Wachstum, Wohlstand und Widerstandsfähigkeit. Ohne Sicherheit, so seine Botschaft, sei nachhaltiger wirtschaftlicher Aufstieg nicht möglich. Auch die Rolle Künstlicher Intelligenz in der Industrie betonte er ausdrücklich: „Die digitale Kognition ist die Grundstruktur für erfolgreiches industrielles Wachstum.”
Die Kabinettsklausur in Neuardenberg sollte in erster Linie Geschlossenheit demonstrieren – intern wie nach außen. Angesichts bevorstehender Landtagswahlen, bei denen sowohl CDU/CSU als auch SPD laut Umfragen herbe Verluste drohen, steht die Koalition unter erheblichem Druck. Ob der demonstrierte Optimismus in den Wochen nach der Sommerpause trägt, wird sich spätestens nach den Wahlterminen im September zeigen.
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