Dieses Video wurde am 28.08.2026 von BILD auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Eine verheerende Sturzflut hat Nepal erschüttert: Mehr als 500 Menschen kamen ums Leben, knapp 1.500 gelten als vermisst – darunter auch mehrere Deutsche. Auslöser der Katastrophe war kein Erdbeben, wie zunächst vermutet, sondern ein gewaltiger Gletscherabbruch am Langtang Lirung im Himalaya. Die Wassermassen rasten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 150 Kilometern pro Stunde durch das Tal und rissen ganze Ortschaften mit sich. Und die Gefahr ist noch nicht vorbei: Behörden warnen vor einer zweiten Flutwelle.
Der Gletscherabbruch: Ursache der Sturzflut in Nepal
Um 8:37 Uhr morgens registrierten Seismografen weltweit – auch in Deutschland und den USA – eine Erschütterung der Magnitude 5,2. Zunächst gingen Experten von einem Erdbeben aus. Doch bald war klar: Ein riesiges Stück des Langtang-Lirung-Gletschers war abgebrochen und 1,2 Kilometer in die Tiefe gestürzt.
Die Dimensionen sind kaum fassbar. Das abgebrochene Gletscherstück war 700 Meter breit, wog schätzungsweise 300 bis 500 Millionen Tonnen und setzte beim Aufprall eine Energie frei, die der Sprengkraft von rund 1.000 Tonnen TNT entspricht. Das entspricht etwa 150.000 großen Hochhäusern, die aus 1,2 Kilometern Höhe auf den Boden krachen.
Das Besondere: Die Flutwelle wurde nicht dadurch ausgelöst, dass die Eismasse in einen See stürzte. Das komprimierte Eis und Geröll erhitzte sich derart durch Reibung während des Sturzes und beim Aufprall, dass ein Großteil des Eises unmittelbar schmolz und als reißende Wasserwand ins Tal schoss.
Wie die Flutwelle 40 Kilometer Verwüstung anrichtete
Die Wassermassen bewegten sich mit 40 bis 50 Metern pro Sekunde fort – das entspricht etwa 150 Stundenkilometern. Vom Abbruchpunkt bis zum chinesisch-nepalesischen Grenzposten, rund 20 Kilometer entfernt, vergingen gerade einmal fünf Minuten. Frühwarnsysteme existieren in der Region nicht.
Die Flutwelle fegte durch den Fluss Trishuli und dessen Zuflüsse und trat über viele Kilometer hinaus weit über die Ufer. Satellitendaten zeigen das Ausmaß eindrücklich:
- Mehr als 40 Kilometer Autobahn wurden zerstört oder beschädigt
- Dutzende Brücken wurden von den Wassermassen weggespült
- 19 Staudämme hielten den Wassermassen nicht stand
- Ganze Ortschaftsteile von bis zu 300 Metern Tiefe wurden abgetragen
- 30 bis 40 Meter mächtige Schlamm- und Geröllablagerungen blockieren Straßen und Zufahrtswege
In der Provinz Nuvacot wurden die ersten 200 bis 300 Meter ganzer Ortschaften vollständig weggerissen. Menschen, die sich nicht rechtzeitig in die Berge retten konnten, hatten kaum eine Überlebenschance.
Rettungseinsatz unter extremen Bedingungen
Rund 13.000 Rettungskräfte sind in der betroffenen Region im Einsatz. Die nepalesische Armee fliegt rund um die Uhr Evakuierungsmissionen, da zahlreiche Brücken zerstört sind und ganze Ortschaften nur noch per Hubschrauber erreichbar sind. Auf der anderen Seite des Flusses Trishuli harren Menschen auf Dächern aus und warten auf Rettung.
Naturgefahrenforscher beschreiben die Arbeitsbedingungen als extrem schwierig. Straßen sind weggespült, die Hänge instabil, Flussbänke könnten weiter abrutschen. Hinzu kommt der laufende Monsunregen, der die Lage zusätzlich verschärft. Rettungskräfte mussten ihre Arbeit zeitweise einstellen, nachdem Behörden vor einer zweiten Sturzflut warnten. Durch die Geröllmassen haben sich oberhalb des zerstörten Grenzpostens neue Seen gebildet, deren Stabilität noch nicht abschließend bewertet werden kann.
Warum Gletscher abstürzen – und was das für die Alpen bedeutet
Laut Experten aus der Naturgefahrenforschung entwickeln sich solche Ereignisse nicht spontan. Es handelt sich um einen Prozess, der sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte aufbaut: Wasser dringt in den Fels ein, Verwitterung destabilisiert ihn, Gletscherschmelze und Gewichtsverlagerungen verändern die Auflast – bis das System irgendwann zusammenbricht. Im Fall des Langtang Lirung brachen Fels und Gletscher gemeinsam ab.
Ein Vergleich mit der Flutkatastrophe im Ahrtal liegt nahe, ist aber nur bedingt zutreffend: Während die Ahrtal-Katastrophe durch extreme Niederschläge über einen längeren Zeitraum ausgelöst wurde, entstand die Nepaler Flutwelle innerhalb von Minuten durch einen singulären Massenabgang.
Ähnliche Ereignisse sind grundsätzlich auch in den Alpen möglich, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß: Die Berge sind weniger steil, die Gletscher kleiner. Die Schweiz gilt weltweit als das am besten überwachte alpine Risikogebiet; auch Frankreich und Italien verfügen über belastbare Frühwarnsysteme. Im deutschen Alpenraum ist die Gefahr nach aktuellem Forschungsstand überschaubar.
Die Katastrophe in Nepal zeigt dennoch, wie schnell und wuchtig der Klimawandel die Destabilisierung von Hochgebirgsregionen beschleunigen kann – und wie wenig Zeit Betroffene im Ernstfall bleibt, um sich in Sicherheit zu bringen.
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