Dieses Video wurde am 02.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Staatsschulden steigen weltweit, und die Spielräume der Regierungen werden enger – das ist die klare Einschätzung von Stefan Rißee, Marktexperte bei Cartes. Noch handele es sich nicht um eine akute Staatsschuldenkrise, doch die Entwicklung sei alarmierend: Steigende Zinsen, wachsende Kapitalkonkurrenz durch KI-Investitionen und strukturell hohe Defizite machen eine Kurskorrektur immer dringlicher. Die entscheidende Frage ist, welchen Ausweg die Politik und die Zentralbanken noch haben.
Notenbanken als letzter Ausweg bei steigenden Zinsen
Ein zentrales Argument: Wenn die Zinsen am langen Ende zu stark ansteigen, werden die Notenbanken erneut eingreifen und Anleihen aufkaufen müssen. Dieses Muster ist historisch belegt – nach der Finanzkrise 2008 und erneut in der Coronakrise haben Zentralbanken in großem Stil Staatsanleihen erworben, um die Zinslast für die Staaten beherrschbar zu halten.
Zuletzt haben Notenbanken begonnen, ihre aufgeblähten Bilanzen wieder zu reduzieren. Doch dieser Spielraum ist begrenzt. Sollte die Nachfrage nach frischem Kapital – sowohl von Staaten als auch von der Privatwirtschaft – weiter steigen, dürften die Zentralbanken bald wieder als Käufer auftreten. In den USA übernimmt aktuell das Schatzamt eine Pufferfunktion: Es verkauft kurzfristige Anleihen und kauft langfristige zurück, um den Langfristzins künstlich zu dämpfen.
KI-Boom verschärft die Konkurrenz um Kapital
Neben den öffentlichen Haushalten beansprucht ein weiterer Akteur massiv Kapital: die Künstliche-Intelligenz-Branche. Der globale Wettlauf um Marktführerschaft im KI-Bereich treibt die Investitionen in Rechenzentren in bisher unbekannte Höhen. Für das kommende Jahr werden noch höhere Ausgaben erwartet, und die Finanzierung erfolgt überwiegend langfristig.
Diese zusätzliche Kapitalnachfrage erhöht den Druck auf den Preis des Geldes – also den Zins. Staat und Privatwirtschaft konkurrieren damit um dieselbe Ressource, was das Zinsniveau strukturell hochhält und die Schuldentragfähigkeit der öffentlichen Haushalte weiter belastet.
Gute Schulden, schlechte Schulden – wo liegt der Unterschied?
Nicht alle Schulden sind gleich schädlich. Rißee unterscheidet klar zwischen investiven Schulden und konsumtiven Ausgaben:
- Investive Schulden finanzieren Infrastruktur, Technologie und Wachstum – sie erzeugen Unternehmensgewinne, Beschäftigung und Steuereinnahmen.
- Konsumtive Schulden für reine Sozialleistungen erzeugen zwar kurzfristig Nachfrage, aber keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert.
- Deutschland gilt als mahnendes Beispiel: Die jahrelange schwarze Null führte zu maroder Infrastruktur und einer geschwächten Wirtschaft.
- Die USA hingegen finanzieren sich seit über zwölf Jahren mit rund 6 % des BIP neu – doppelt so viel wie der Maastricht-Grenzwert von 3 %.
- Bereits 16 % des US-Staatshaushaltes fließen in Zinszahlungen – mehr als in die Verteidigung.
Das zeigt: Sparen allein ist keine Lösung, wenn die Schuldenstruktur bereits so verfestigt ist wie in den USA. In Deutschland hingegen sei Investieren derzeit unausweichlich.
Inflation als stiller Entschuldungsmechanismus
Den realistischsten Ausweg aus dem globalen Schuldendilemma sieht Rißee in einer strukturell erhöhten Inflationsrate. Der Mechanismus ist einfach: Hohe Inflation lässt das nominale Bruttoinlandsprodukt wachsen, wodurch der Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sinkt – ohne dass ein einziger Euro tatsächlich zurückgezahlt werden muss.
Dieses sogenannte „Rauswachsen über Inflation” ist kein neues Konzept; historisch wurde es nach den großen Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts angewendet. Angesichts der aktuellen Schuldenstände, die ein echtes Rauswachsen über Wirtschaftswachstum praktisch ausschließen, dürfte die Inflation in den kommenden Jahren gezielt höher toleriert werden.
Die Konsequenz für Anleger und Bürger: Sie sollten sich auf ein dauerhaft erhöhtes Preisniveau einstellen. Reale Vermögenswerte und inflationsgeschützte Anlagen gewinnen in diesem Szenario an Bedeutung. Die Politik steht vor der schwierigen Aufgabe, diesen Prozess zu managen, ohne das Vertrauen in die Währungsstabilität vollständig zu verspielen.
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