Dieses Video wurde am 01.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die globalen Anleihemärkte stehen zum Auftakt des Septembers massiv unter Druck. Steigende Renditen bei Staatsanleihen rund um den Globus – befeuert durch Inflationsängste und hohe Ölpreise – sorgen für wachsende Nervosität an der Wall Street. Sowohl der Nasdaq als auch der Dow Jones starteten mit Verlusten in den ersten Handelsminuten. Die entscheidende Frage lautet: Kühlt die Wirtschaft schnell genug ab, um die Renditen wieder zu drücken – oder bleibt die Inflation hartnäckig hoch?
Globaler Abverkauf bei Staatsanleihen auf Finanzkrisenniveau
Der Druck auf den Anleihemarkt ist breit aufgestellt. Renommierte Finanztitel wie die Financial Times, das Wall Street Journal und Reuters berichten übereinstimmend von einem globalen Abverkauf bei Staatsanleihen, der durch Inflationsängste und steigende Rohstoffpreise angeheizt wird.
Besonders auffällig ist die Entwicklung in Japan: Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen erreichte erstmals seit 1996 wieder die Marke von 3 %. Der Bloomberg Global Treasury Index, der Staatsanleihen weltweit bündelt, notiert auf Niveaus, die zuletzt während der Finanzkrise 2008 verzeichnet wurden.
Für Japan bedeutet das erheblichen geldpolitischen Zugzwang: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung durch die Bank of Japan am 18. September wird mit 90 % beziffert. Verzichtet Tokio auf diesen Schritt, droht dem Yen eine deutliche Abwertung. US-Finanzminister Scott Bessent betonte bereits, dass Japan Maßnahmen zur Stützung der eigenen Währung ergreifen werde.
Ölpreise und Iran-Konflikt als Renditetreiber
Ein zentraler Faktor hinter den steigenden Anleiherenditen sind die Ölpreise. WTI und Brent verzeichnen Aufwärtsdruck, wobei Brent in der Spitze über 92,35 Dollar notierte. JP Morgan sieht darin den Haupttreiber für steigende Staatsanleiherenditen weltweit.
Der anhaltende Iran-Konflikt belastet die Energiemärkte zusätzlich. Zwei Tankschiffe wurden durch Projektile getroffen, was die geopolitische Risikoprämie weiter erhöht. Auch Weizen legt im Zuge des Ukraine-Kriegs um fast 200 Basispunkte zu.
- Brent-Öl in der Spitze über 92,35 Dollar je Barrel
- Weizen mit rund 200 Basispunkten im Plus
- Zwei Tankschiffe im Persischen Golf durch Projektile beschädigt
- Morgan Stanley hob Kursziel für Brent-Öl zuletzt an
- Iran-Präsident signalisiert Gesprächsbereitschaft zu früherem Abkommen
Sollte es zu einer Deeskalation mit dem Iran kommen, wäre das laut Marktbeobachtern die wirksamste Medizin gegen steigende Renditen – doch die Revolutionsgarde im Iran könnte dem Präsidenten dabei in die Quere kommen.
Fed-Entscheidung: Zinsanhebung oder Pause?
Erschwerend kommt die ungeklärte Haltung der US-Notenbank hinzu. Laut dem Fed Watch Tool liegt die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung in den USA bei 66 %. Fed-Gouverneur Kevin Warsh hatte sich in einer jüngsten Rede eher falkenhaft geäußert und damit Spekulationen auf eine baldige Straffung befeuert.
Gleichzeitig sendet die Konjunktur schwächere Signale: Der Einkaufsmanagerindex der US-Industrie für August lag mit 54,6 Punkten unter den erwarteten 55. Besonders die Komponente neue Aufträge enttäuschte mit 53,7 statt der erwarteten 57 Punkte. Auch der Arbeitsmarkt kühlt ab: Die Beschäftigungskomponente im Index fiel auf 51,2, erwartet waren 52,2.
Die offenen Stellen (JOLTS) im Juli lagen mit 7,27 Millionen leicht unter den Prognosen. Hinzu kommt, dass die Junidaten deutlich nach unten revidiert wurden – von 7,35 auf nur noch 7,18 Millionen offene Stellen. Wall Street rechnet für den offiziellen Arbeitsmarktbericht am Freitag mit lediglich 50.000 bis 60.000 neuen Jobs.
Tech-Sektor und Einzelwerte im Fokus
Abseits der makroökonomischen Spannungen bleibt die Berichtssaison ein Marktthema. Medtronic übertraf die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn und hob die Jahresprognose an. Im Wochenverlauf stehen Ergebnisse von Dell, Palo Alto Networks, Broadcom und Snowflake auf dem Programm.
Für Aufsehen sorgte zudem eine kartellrechtliche Klage gegen Amazon: 22 US-Bundesstaaten und die Wettbewerbsbehörde werfen dem Konzern vor, Werbekunden um rund 20 Milliarden Dollar geschädigt zu haben. Die Citigroup sieht darin dennoch eine Kaufgelegenheit mit Kursziel 350 Dollar. Im KI-Bereich schließt Anthropic einen 35-Milliarden-Dollar-Rechenzentrumsdeal mit der Neocloud-Firma Lambda ab – die Infrastruktur liegt letztlich bei Nvidia.
Der September bleibt damit seinem Ruf als schwieriger Börsenmonat treu. Ob die Renditen langlaufender Anleihen mittelfristig sinken, hängt von drei Variablen ab: dem Tempo der wirtschaftlichen Abkühlung, der geopolitischen Entwicklung im Nahen Osten und den kommenden Notenbank-Entscheidungen in den USA und Japan. Anleger stehen vor einem der komplexesten Marktumfelder seit Jahren.
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