Dieses Video wurde am 10.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Rechtsextremismus zieht junge Männer in Deutschland und anderswo zunehmend in seinen Bann. Forscher beschäftigen sich seit Jahren mit den Ursachen dieses Phänomens und haben dabei drei zentrale Faktoren identifiziert, die eine besondere Anziehungskraft entfalten: das Versprechen eines klaren Rollenbilds, das Angebot von Stabilität in unsicheren Zeiten sowie die Möglichkeit zur Abgrenzung gegenüber gesellschaftlichen Gruppen. Der Ausstieg aus dieser Szene gestaltet sich einmal eingetreten als langwieriger Prozess, der laut Experten oft Jahre in Anspruch nimmt.
Einfache Rollenbilder als Einstiegspunkt
Einer der wichtigsten Anziehungspunkte des rechtsextremen Milieus ist das Versprechen eines simplen, klar definierten Männlichkeitsbilds. In diesen Kreisen gilt es als selbstverständlich, sich stets in der Position des Überlegenen zu verorten – ein Angebot, das besonders für Jugendliche attraktiv wirkt, die sich noch mitten in der Identitätsfindung befinden.
Die gesellschaftliche Realität präsentiert heute ein breites Spektrum an Männlichkeitsvorstellungen. Traditionelle Rollenbilder sind im Wandel, neue Entwürfe entstehen, und dieser Pluralismus erzeugt bei vielen jungen Menschen eine gewisse Orientierungslosigkeit. Genau in diesem Vakuum setzt das Angebot der rechtsextremen Szene an: Es verspricht Eindeutigkeit, wo Komplexität herrscht.
- Starre, aber klare Geschlechterrollen schaffen gefühlte Orientierung
- Jugendliche in der Identitätsfindung sind besonders empfänglich
- Der gesellschaftliche Wandel von Männlichkeitsnormen wird als Bedrohung wahrgenommen
- Das rechtsextreme Milieu stilisiert sich als Hüter „echter” Männlichkeit
Stabilität durch Stärke: Das Versprechen der Zugehörigkeit
Als zweiten zentralen Faktor nennen Forscher das Versprechen von Stabilität. Die Überbetonung von männlicher Stärke dient dabei als psychologischer Mechanismus, um Unsicherheiten über die eigene Identität zu überdecken. Wer nach innen zweifelt, kann nach außen Stärke demonstrieren – das rechtsextreme Milieu liefert dafür den passenden Rahmen.
Eng damit verknüpft sind sogenannte männliche Opfererzählungen: die Behauptung, dass Männer in der modernen Gesellschaft systematisch benachteiligt würden. Diese Narrative werden gezielt eingesetzt, um Ressentiments zu schüren und eine gemeinsame Identität als vermeintlich Benachteiligte zu formen.
In einer Zeit, die von multiplen gesellschaftlichen Krisen geprägt ist – wirtschaftlicher Unsicherheit, sozialem Wandel und politischer Polarisierung – gewinnt ein starres Weltbild zusätzlich an Attraktivität. Es bietet scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen und gibt das Gefühl, die Welt zu verstehen und zu durchschauen.
Abgrenzung als Identitätsstiftung
Der dritte Faktor ist die Abgrenzung nach außen. Die Identität rechtsextremer Männergruppen konstituiert sich maßgeblich dadurch, dass sich ihre Mitglieder gegen andere definieren. Dabei werden bestimmte gesellschaftliche Gruppen – insbesondere Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund – als feindliche oder unterlegene Klassen konstruiert.
Diese Feindbildkonstruktion erfüllt eine doppelte Funktion: Sie schweißt die Gruppe nach innen zusammen und bietet gleichzeitig eine Erklärung für persönliche Misserfolge oder gesellschaftliche Veränderungen. Modernisierungsprozesse, die als Bedrohung wahrgenommen werden, lassen sich so externalisieren und bekämpfen.
Die Gemeinschaft innerhalb der Szene vermittelt das Gefühl, Teil einer Verteidigungsgemeinschaft zu sein – einer Gruppe, die sich gegen eine als feindlich erlebte Außenwelt behauptet. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein wesentlicher Grund, warum der Austritt aus diesen Strukturen so schwierig ist.
Ausstieg dauert Jahre – Prävention ist entscheidend
All diese Faktoren zusammen erklären, warum ein Ausstieg aus der rechtsextremen Szene laut Experten in der Regel kein kurzfristiger Prozess ist. Die emotionalen, sozialen und identitären Bindungen, die sich über Monate und Jahre aufgebaut haben, lassen sich nicht von heute auf morgen auflösen. Betroffene benötigen professionelle Unterstützung, soziale Alternativen und oft auch jahrelange Begleitung.
Für die Prävention bedeutet das: Je früher junge Männer in ihrer Orientierungssuche erreicht und mit differenzierten Männlichkeitsbildern und stabilen sozialen Gemeinschaften versorgt werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass rechtsextreme Angebote verfangen. Politische Bildung, niedrigschwellige Beratungsangebote und eine offene gesellschaftliche Debatte über Männlichkeit und Identität bleiben daher zentrale Instrumente im Umgang mit diesem Phänomen.
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