Dieses Video wurde am 09.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die neuesten PISA-Ergebnisse alarmieren: Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden in Mathematik und Naturwissenschaften so schwach ab wie seit Beginn der Vergleichsstudien nicht mehr. Das ist kein kurzfristiger Einbruch, sondern das Ergebnis eines langen Trends – und einer politischen Kultur, die Bildung zwar beklagt, aber selten ernsthaft reformiert. Hinzu kommen aktuelle wirtschaftspolitische Debatten: eine mögliche Kryptosteuer und neue Hoffnung für die private Altersvorsorge in Deutschland.
PISA-Schock 2.0: Schlechter als je zuvor
Schon im Jahr 2000 sorgte der erste PISA-Schock für Aufruhr. Damals versprach die Politik, das Bildungssystem grundlegend zu verbessern – und tatsächlich stiegen die deutschen Ergebnisse bis etwa 2012 und 2015 wieder an. Doch dann wurde der Wettbewerb zwischen den Bundesländern zunehmend als schädlich betrachtet, länderübergreifende Leistungsvergleiche wurden abgeschafft. Die Folge ist das heutige Ergebnis.
Die 15-Jährigen, die bei PISA getestet werden, erreichen in Mathematik und den Naturwissenschaften historische Tiefstände. Deutschland fällt dabei stärker zurück als der internationale Durchschnitt, der ebenfalls leicht sinkt.
Als Erklärungen werden häufig genannt:
- Zu hoher Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund
- Fehlende Unterstützung durch das Elternhaus
- Ablenkung durch Social Media und Smartphones
- Unzureichende Lehrerausbildung und Ressourcen
Doch all diese Faktoren existieren auch in Ländern wie Kanada und der Schweiz – die trotzdem deutlich besser abschneiden. Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Das Grundproblem: Verlust des Leistungsanspruchs
Ein zentrales Diagnose lautet: Deutschland hat gesellschaftlich den Leistungsanspruch verloren. Statt konsequent alle Schülerinnen und Schüler zu fordern und zu fördern, richtet das System seinen Fokus entweder auf die Schwächsten oder auf die Stärksten – selten auf beide gleichzeitig.
Eltern leistungsstarker Kinder reagieren, indem sie ihre Kinder von gemischten Schulformen abziehen. Das verschärft die soziale Spreizung weiter. Mehr Geld allein – etwa durch eine Aufweichung der Schuldenbremse, wie es manche Politiker fordern – löst dieses strukturelle Problem nicht.
Gefragt sind stattdessen intelligentere Schulsysteme, mehr Eigenverantwortung der Eltern und vor allem ein kultureller Wandel: Bildung muss wieder attraktiv werden. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels ab 2030 ist das keine akademische Debatte, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Deutschland verfügt über keine nennenswerten Rohstoffe – Wissen und Qualifikation sind der einzige echte Standortvorteil.
Kryptosteuer: Kleiner Ertrag, große Unsicherheit
Parallel zur Bildungsdebatte plant Bundesfinanzminister Lars Klingbeil eine neue Steuerquelle: die Besteuerung von Gewinnen aus Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether. Bisher gilt: Wer Krypto-Assets länger als ein Jahr hält, erzielt steuerfreie Gewinne. Klingbeil will das ändern und Kryptogewinne künftig wie Aktiengewinne mit der Abgeltungssteuer von 25 Prozent – zuzüglich Solidaritätszuschlag – besteuern.
Inhaltlich ist die Gleichbehandlung mit Aktien nicht unlogisch. Doch die Kritik ist berechtigt: Gold ist nach einem Jahr ebenfalls steuerfrei, Immobilien nach zehn Jahren. Wer einmal anfängt, überall Steuern zu suchen, schafft vor allem Rechtsunsicherheit. Der fiskalische Ertrag fällt zudem bescheiden aus: Experten schätzen die Mehreinnahmen auf rund 350 Millionen Euro – weniger als ein Promille des Bundeshaushalts von rund 500 Milliarden Euro. Immerhin soll es einen Bestandsschutz für bereits gehaltene Kryptowerte geben.
Hoffnung Altersvorsorge: Neues Depot-Modell ab 2027
Ein positiveres Signal kommt aus der Rentenpolitik. Als Nachfolger der wenig erfolgreichen Riester-Rente soll 2027 ein reformiertes Modell der privaten Altersvorsorge starten. Erste Anbieter positionieren sich bereits mit kostenlosen Depot-Angeboten – ein entscheidender Unterschied zur Einführung der Riester-Rente im Jahr 2001, als hohe Kosten die Rendite massiv schmälerten.
Die Zahlen verdeutlichen, wie stark Kosten die Altersvorsorge belasten:
- Bei 0 % Kosten über 40 Jahre: rund 623.000 Euro Endkapital
- Bei 0,2 % Kosten: rund 500.000 Euro
- Bei 1 % Kosten: rund 120.000 Euro weniger als bei kostenfreiem Depot
Hinzu kommt ein staatlicher Zuschuss: Wer monatlich 150 Euro einzahlt, erhält 45 Euro dazu – das entspricht 30 Prozent Rendite allein durch die Förderung. Deutschland ist unter den G7-Staaten das Land mit dem geringsten Kapitalmarktanteil in der Altersvorsorge. Das neue Modell könnte helfen, diesen Rückstand aufzuholen – vorausgesetzt, die Bürgerinnen und Bürger nehmen die Chance an und verlieren die Scheu vor dem Kapitalmarkt.
Die drei Themen hängen zusammen: Eine bessere Bildung schafft produktivere Arbeitskräfte, die wiederum mehr in ihre Altersvorsorge investieren können – während eine kluge Steuerpolitik Anreize setzen statt Vertrauen zerstören sollte. Deutschland hat die Mittel, seinen Kurs zu korrigieren. Der politische Wille ist entscheidend.
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