Dieses Video wurde am 06.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD ein historisches Ergebnis von über 44 Prozent eingefahren. Der YouTuber und Autor Alexander Prinz, der in Sachsen-Anhalt lebt und die Wahl hautnah verfolgte, sieht in diesem Resultat mehrere Ursachen: wirtschaftliche Abstiegsängste, ein tiefes Misstrauen gegenüber etablierten Parteien und ein Phänomen, das er als Revanchismus bezeichnet. Auffällig war zudem eine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung – auch viele frühere Nichtwähler gingen diesmal an die Urnen.
Wirtschaftliche Sorgen als stärkster Antrieb
Für Alexander Prinz ist der wichtigste Erklärungsfaktor für den AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt nicht das Thema Migration, sondern die wirtschaftliche Lage der Menschen. Sachsen-Anhalt bezeichnet er als eine Art Frühwarnsystem für Deutschland: Wegen geringer Vermögen und einer historisch niedrigen Krisenresilienz – bedingt durch die DDR-Geschichte und den Transformationsprozess nach der Wende – schlagen soziale und ökonomische Verwerfungen hier früher und stärker durch als andernorts.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Arbeiterschaft: 61 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter wählten die AfD – und nicht die SPD, die traditionell als Partei der Arbeitnehmer gilt. Für Prinz ist das ein klares Signal, dass die SPD ihren Rückhalt in ihrem eigenen Kernmilieu verloren hat. Die Menschen versprächen sich von der AfD konkrete Verbesserungen ihrer Lebenssituation und ihres ökonomischen Auskommens. Frei nach dem Motto des US-Politstrategen James Carville: „It’s the economy, stupid.”
Revanchismus: Wählen, um dem Gegner zu schaden
Ein zentrales analytisches Konzept, das Prinz in diesem Zusammenhang anführt, ist der Revanchismus als Wahlmotiv. Gemeint ist damit ein Trend, der in westlichen Demokratien zunehmend zu beobachten ist: Menschen, die sich in ihrer Lebenssituation nicht wahrgenommen oder ungerecht behandelt fühlen, wählen gezielt Parteien, von denen sie sich versprechen, dass diese dem politischen Establishment schaden.
Dieses Motiv funktioniert auch dann, wenn die betreffende Partei objektiv nicht die beste Option für die eigene soziale oder steuerliche Lage wäre. Die Wähler seien sich dessen oft bewusst – sie wollten schlicht Unruhe stiften und ein deutliches Signal nach Berlin senden. Passend dazu: 56 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt zeigten sich in Hochrechnungen unzufrieden mit der Union, die seit der letzten Wahl mehr als die Hälfte ihrer Stimmen einbüßte. Prinz sieht hier einen klaren Zusammenhang.
- Viele Wähler handelten bewusst als Denkzettel an die Bundesregierung
- Die Unzufriedenheit mit Bundeskanzler Friedrich Merz gilt als Mitursache des AfD-Ergebnisses
- Der Kurs der Bundesregierung in sozialen Fragen befeuerte die Ablehnung etablierter Parteien
- 56 Prozent der Wähler bekundeten Unzufriedenheit mit der CDU/CSU
- Die AfD mobilisierte erfolgreich frühere Nichtwähler
Identität und Emotionalisierung als Wahlkampfstrategie
Neben wirtschaftlichen Motiven spielt laut Prinz auch eine starke Emotionalisierung des Wahlkampfs eine entscheidende Rolle. Die AfD habe es geschafft, ostdeutsche Identität als etwas Positives zu besetzen – ein Aspekt, den andere Parteien jahrzehntelang vernachlässigt hätten. In früheren Generationen sei das Ossi-Sein oft mit Scham verbunden gewesen; die AfD habe dieses Gefühl umgedreht und Stolz auf die ostdeutsche Herkunft zum politischen Programm gemacht.
Hinzu komme eine konsequente Bürgernähe: Die Partei sei auch in kleinste Ortschaften gegangen, habe Präsenz gezeigt, wo andere Parteien keinen Wahlkampf für lohnenswert hielten. Mit symbolträchtigen Objekten wie einer Simson oder einer Schwalbe habe die AfD Emotionen geweckt und Alltagsnähe demonstriert. Prinz erwartet, dass diese Strategie der Emotionalisierung mit vorzeigbaren Persönlichkeiten und regionaler Verwurzelung auch künftig in anderen Bundesländern Schule machen wird.
Koalitionsfragen und politischer Ausblick
Offen blieb nach der Wahl zunächst die Regierungsbildung. Das BSW zog trotz interner Krisen offenbar in den Landtag ein und wird als möglicher Königsmacher gehandelt – womöglich auch für eine überparteiliche Lösung ohne klassische Koalitionslogik. Sollte die AfD tatsächlich an der Regierung beteiligt sein, rechnet Prinz zunächst nicht mit dramatischen Veränderungen im Alltag: Die Partei werde einen moderaten Regierungsstil anstreben, auch mit Blick auf künftige Wahlen.
Langfristig aber sendet das Ergebnis ein klares Signal über den Zustand der deutschen Parteienlandschaft. Solange soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten bestehen und das Vertrauen in etablierte Parteien schwindet, bleibt der Nährboden für Protestwahlen und Revanchismus-Motive fruchtbar – nicht nur in Sachsen-Anhalt.
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