Dieses Video wurde am 05.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Berliner Datenpanne erschüttert die Hauptstadt: Aus Behördensystemen wurden offenbar rund 1,5 Millionen Datensätze entwendet – darunter auch Verschlusssachen mit unmittelbarer Relevanz für den Zivilschutz. IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug bewertet den Vorfall als vorhersehbar und spricht von grober Fahrlässigkeit. Die Ursachen seien strukturell, die möglichen Folgen potenziell verheerend.
Ein vorhersehbarer Datengau – trotz früher Warnungen
Manuel Atug, Sachverständiger der AG Kritis, hatte bereits 2023 und 2025 im Innenausschuss eindringlich vor den Sicherheitsdefiziten Berliner Behörden gewarnt. Seine Forderung: deutlich mehr Investitionen in die Cybersicherheit statt in KI-gestützte Bewegungs- und Gesichtserkennung. Gehör fand er damit nicht.
Im Gegenteil: Für den Haushalt 2025 plante Berlin, die Mittel für IT-Sicherheit um nahezu 50 Prozent zu kürzen. Zwei Millionen Euro für digitale Einbruchserkennung sollten zusätzlich gestrichen werden. Atug sieht darin die direkte Ursache des nun eingetretenen Schadens: „Das war absehbar, dass das alles kompromittiert wird.”
Verschlusssachen auf ungesicherten Systemen
Besonders schwerwiegend ist laut Atug, dass bei der Berliner Datenpanne auch Geheimschutzunterlagen abgegriffen wurden. Diese dürfen regulär nur auf zertifizierten, streng separierten Systemen in gesonderten Netzwerken verarbeitet werden – und ausschließlich von sicherheitsüberprüftem Personal.
Interne Aktenvermerke belegen jedoch, dass die dafür vorgeschriebene sichere Netzwerkarchitektur – bekannt unter dem Kürzel Siena – sowie vom BSI zugelassene Schutzsysteme nicht vollständig eingesetzt wurden. Atug fasst zusammen: „Man hat grobfahrlässig und mit Vorsatz den schlimmsten staatlichen Datengau verursacht, den man verursachen kann.”
Strukturelles Versagen auf allen Ebenen
Der Experte betont, das Problem beschränke sich keineswegs auf Berlin. Der Bundesrechnungshof hat dem Bund attestiert, dass Bundesrechenzentren teilweise ohne Notstromversorgung und ohne ausreichende Datensicherungen betrieben werden. In einigen Fällen sei eine Wiederherstellung verlorener Daten schlicht nicht möglich.
Atug benennt die strukturellen Ursachen klar:
- Fehlende Kontroll- und Sanktionsmechanismen bei Nichteinhaltung von Sicherheitsstandards
- Zu geringe Investitionen in echte IT-Sicherheit zugunsten von Überwachungstechnologien
- Veraltete, teils „archäologisch wertvolle” Systeme am Netz
- Mangelnde Sensibilisierung der Mitarbeitenden auf allen Hierarchieebenen
- Keine konsequente Umsetzung von Sicherheitsprozessen durch die Behördenspitze
„Wir haben Geld für Überwachung, aber nicht Geld für echte Sicherheit”, so Atug pointiert.
Worst-Case-Szenario: Gezielte Angriffe auf kritische Infrastruktur
Das gefährlichste Szenario beschreibt Atug eindringlich: Zu den gestohlenen Daten gehören Zivilschutzlisten mit Objekten, Immobilien und Einrichtungen, die im Verteidigungsfall besonderen Schutz genießen müssen. Diese Informationen sind mittlerweile im offenen Netz auffindbar.
Gelangen sie in die Hände von Terroristen oder feindlichen Geheimdiensten, könnten diese damit gezielt angreifen:
- Heizkraftwerke für Krankenhäuser
- Tanklager und Notstromanlagen
- Umspannwerke und andere verteidigungsrelevante Objekte
Das vollständige Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar, betont Atug. Statt personeller Konsequenzen einzelner Verantwortlicher fordert die AG Kritis ein systemisches Umdenken: Bund, Länder und Kommunen müssten gemeinsam begreifen, dass Cybersicherheit kein Randthema der IT-Abteilung ist, sondern eine staatliche Kernaufgabe – von der Behördenspitze aktiv vorzuleben. Ob der politische Druck nach diesem Vorfall endlich zu nachhaltigen Reformen führt, bleibt abzuwarten.
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