Dieses Video wurde am 22.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ein Papier des Thinktanks der Renmin-Universität in Peking trägt den provokanten Titel „Danke, Donald Trump” – und meint es ernst. Die These: Die US-Politik unter Präsident Trump beschleunigt Chinas Aufstieg zur globalen Vormachtstellung, unbewusst und ungewollt, aber mit messbaren Folgen. Internationale Zustimmungswerte für die USA sind demnach bereits um mehr als 40 Prozent gesunken, während China im globalen Ansehen erstmals die Vereinigten Staaten überholt hat. Das sind keine chinesischen Propagandazahlen allein – es ist ein geopolitischer Befund, der in westlichen Hauptstädten zunehmend ernst genommen wird.
Chinas Aufstieg: Das Pekinger Kalkül hinter Trumps Fehlern
Chinas strategische Planung folgt traditionell einem langen Zeithorizont. Während Washington mit sich selbst beschäftigt ist – innenpolitischen Machtkämpfen, wirtschaftlichem Nationalismus und diplomatischen Brüchen – arbeitet Peking konsequent an der Festigung eigener Koalitionen. Die implizite Unterstützung Russlands gehört ebenso dazu wie der Ausbau technologischer Souveränität.
Das Pekinger Papier benennt konkrete Vorteile, die China aus der aktuellen US-Politik zieht:
- Sinkende internationale Glaubwürdigkeit der USA als Schutzmacht und Ordnungsfaktor
- Rückzug amerikanischer Militärpräsenz und geschwächte Bündnisstrukturen
- Technologische Aufholjagd Chinas bei gleichzeitiger US-Abschottungspolitik
- Wachsende Zweifel an der amerikanischen Verlässlichkeit gegenüber Taiwan
- Chinas gestiegenes Ansehen als stabiler Partner in Schwellen- und Entwicklungsländern
Besonders die Taiwan-Frage gilt als Schlüsselvariable. Ursprünglich verfolgten die USA das Ziel, Taiwan durch Waffenlieferungen zum „Igel” zu machen – einem Land, das militärisch zu teuer für einen Angriff wäre. Trumps öffentliche Andeutungen, Militärhilfen für Taiwan könnten ausbleiben, untergraben genau diese Strategie.
Militärische Lehrstunden für Peking: Der Iran-Krieg als Testlabor
Ein weiterer Aspekt, der in sicherheitspolitischen Kreisen diskutiert wird, betrifft die militärische Dimension. Der Einsatz amerikanischer Waffensysteme im Iran-Konflikt liefert China wertvolle Erkenntnisse. Der US-Thinktank CSIS schätzt, dass dabei rund 50 Prozent der verfügbaren Patriot-Systeme verbraucht wurden – ein Detail, das Pekings Militärplaner aufmerksam registrieren.
China kann aus sicherer Distanz beobachten, welche amerikanischen Waffensysteme unter realen Bedingungen wie funktionieren, wo ihre Grenzen liegen und wo die eigene Rüstungsentwicklung ansetzen kann. Die größte strategische Angst Washingtons – ein Zwei-Fronten-Krieg – gewinnt damit an Gewicht, je mehr amerikanische Ressourcen im Nahen Osten gebunden werden.
Gleichzeitig erschwert die Iran-Politik eine konsistente China-Strategie. Geplante Sanktionspakete, die sowohl die Ukraine schützen als auch China, Indien und andere Länder adressieren sollten, gelten als innenpolitisch kaum durchsetzbar – und würden den für September geplanten Gipfel zwischen Trump und Xi Jinping belasten.
Machtspiele in Washington: Trumps Kabinett als Bühne
Innenpolitisch setzt Trump auf eine Dynamik des Gegeneinanders innerhalb seiner eigenen Regierung. JD Vance, als schärfster Kabinettskritiker des Iran-Kriegs, wurde mit der Verhandlungsführung eben dieses Konflikts betraut – ein Schachzug, der Verantwortung delegiert und Schuldzuweisungen ermöglicht. Marco Rubio hingegen verwaltet vier Portfolios gleichzeitig, ohne einem davon vollständig gerecht werden zu können.
Diese Struktur dient Trump nicht nur zur Machterhaltung, sondern auch zur persönlichen Absicherung. Die Bereicherungsdynamik rund um seine Präsidentschaft – von Steuerfragen bis zu familiären Geschäftsinteressen – macht es für ihn attraktiv, Nachfolger zu positionieren, die ihm Loyalität und rechtlichen Schutz garantieren. Als aussichtsreichster Kandidat aus der Familie gilt derzeit sein ältester Sohn Donald Trump Jr. Eine erneute Kandidatur Trumps selbst für 2028 gilt als verfassungsrechtlich ausgeschlossen.
Demokratische Resilienz: Hoffnung auf Graswurzel-Ebene
Trotz der düsteren geopolitischen Prognosen gibt es Signale der Erneuerung innerhalb der amerikanischen Demokratie. Auf Staatsebene haben mehrere Gouverneure – republikanische wie demokratische – Klagen gegen Trumps Zollpolitik eingereicht und zeigen mit Initiativen wie „Disagree Better” parteiübergreifende Kooperationsbereitschaft.
Die aktuelle Krise hat zudem eine Mobilisierungswelle ausgelöst: Viele Bürgerinnen und Bürger kandidieren erstmals für politische Ämter, Kleinstspenden ersetzen zunehmend die Abhängigkeit von Großspendern. Das klassische amerikanische Prinzip der Graswurzel-Demokratie erlebt eine Renaissance – ob es ausreicht, den geopolitischen Bedeutungsverlust der USA zu stoppen, bleibt die entscheidende Frage der kommenden Jahre.
Mittel- bis langfristig könnte die Ära Trump als Wendepunkt in die Geschichtsbücher eingehen – nicht als Beginn amerikanischer Größe, sondern als Beschleuniger eines multipolaren Wandels, von dem China am stärksten profitiert.
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