Dieses Video wurde am 22.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Midterms 2026 rücken näher, und die Weichen werden schon jetzt gestellt – nicht im Kongress, sondern in Gerichtssälen, auf Protestmärschen und in den Vorwahlen der Demokratischen Partei. Politikanalystin Cathryn Clüver Ashbrook warnt: Die Herausforderungen für die Opposition gegen Donald Trump gehen weit über taktische Wahlkampffragen hinaus. Es geht um die Stabilität des demokratischen Systems selbst.
Gerrymandering, Einschüchterung und der Abbau von Institutionen
Die strukturellen Hürden für die Demokraten bei den Midterms sind erheblich. Gerrymandering – die politisch motivierte Neuzuschneidung von Wahlkreisen – ist dabei nur ein Element eines größeren Musters. Clüver Ashbrook spricht von einem „Death by a Thousand Cuts”: einem schleichenden Prozess, bei dem die MAGA-Bewegung das politische System Schritt für Schritt in ihrem Sinne umbaut.
Besonders besorgniserregend ist die juristische Instrumentalisierung gegen politische Gegner. Aktivisten, die friedlich gegen Abschiebegefängnisse demonstrierten, wurden auf Basis von Terrorismusgesetzen verfolgt und zu bis zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Logik dahinter: Eine neue Erzählung verknüpft linke Protestbewegungen mit angeblichen kommunistischen Netzwerken, gesteuert angeblich aus Kuba. So absurd das klingt – die staatlichen Kapazitäten zur Verfolgung politischer Opposition sind real.
Trumps persönlicher Anwalt Todd Blanch wird Generalstaatsanwalt der USA – ein Vorgang, der die Abhängigkeit des Justizministeriums vom Weißen Haus auf eine neue Ebene hebt. Das Ziel: politische Opposition nicht nur inhaltlich, sondern auch rechtlich mundtot zu machen, bevor es im November 2026 zur Abstimmung kommt.
Die Achillesferse der Demokraten: fehlende politische Mitte
Während die MAGA-Bewegung trotz interner Konflikte – etwa zwischen den Netzwerken rund um Peter Thiel und anderen Geldgebern – ein klares Ziel verfolgt, kämpfen die Demokraten mit ihrer eigenen Identität. Die Partei ist tief gespalten zwischen einem zentristischen Flügel und erstarkenden demokratischen Sozialisten wie Zohran Mamdani in New York.
Die Frage, die sich die Partei stellt, ist grundlegend:
- Ist Linkspopulismus die richtige Antwort auf den Rechtspopulismus Trumps?
- Kann eine zentristische Botschaft à la Clinton oder Obama noch Wähler mobilisieren?
- Wie erklärt man Wählern, dass die erste Aufgabe einer demokratischen Regierung der institutionelle Rückbau von Trumps Machtapparat wäre?
- Wie gewinnt man Swingstates, wenn linke Kandidaten dort als unwählbar gelten?
Der frühere Obama-Berater Rahm Emanuel, zuletzt US-Botschafter in Japan, wetterte jüngst in Berlin gegen die Democratic Socialists of America (DSA) – ein Zeichen, wie heftig sich die Partei intern zerfleischt. Clüver Ashbrook nennt es die „Achillesferse der Demokraten”: Im Gegensatz zur MAGA-Bewegung fehlt der Partei eine einheitliche Priorisierung aller Kräfte unter einem gemeinsamen Ziel.
Wirtschaftliche Ungleichheit als ungenutztes Potenzial
Dabei läge ein mächtiges Wahlkampfthema auf der Hand: die dramatische wirtschaftliche Ungleichheit in den USA. Abseits der großen Küstenstädte existieren Zustände, die Beobachter mit einem Entwicklungsland vergleichen – Hunger, Wohnungsnot, fehlende Gesundheitsversorgung.
Gleichzeitig boomt der Aktienmarkt, und viele Amerikaner haben ihre 401(k)-Pensionspakete mit Krediten belastet, um den Alltag zu finanzieren. Wohneigentum – früher das Fundament des amerikanischen Mittelstands – ist für immer mehr Menschen unerreichbar. Das Narrativ von Wirtschaftswachstum und Reindustrialisierung zieht nicht mehr, weil es bei den Menschen unten nicht ankommt.
Die Zölle der Trump-Administration sind ein Paradebeispiel: Kein seriöser Ökonom außerhalb der MAGA-Bewegung behauptet, Importzölle würden Waren im eigenen Land billiger machen. Zahlen aus Trumps erster Amtszeit belegen das – jeder durch Stahlzölle neu geschaffene Arbeitsplatz kostete die Stahlindustrie rund 650.000 Dollar an Quersubventionen. Doch diese Fakten schaffen es kaum in die öffentliche Debatte.
Antieuropäischer Kurs und die globale Dimension
Ein weiterer Aspekt, der die Midterms indirekt beeinflusst, ist der antieuropäische Kurs der Trump-Regierung. Aussagen aus dem geleakten Signal-Chat des Kabinetts zeigen, dass führende US-Minister Europa bewusst „auflaufen lassen” wollen – kein Schutz, keine Vorlagen. Elon Musks Darstellung Europas als „Hellhole” folgt einem klaren Narrativ: Die Amerikaner hätten die Sicherheit Europas jahrzehntelang finanziert, während sich Europa ein komfortables Sozialsystem aufgebaut habe.
Diese Erzählung ist historisch verkürzt – der europäische Beitrag zur Eindämmung der Sowjetunion und zur transatlantischen Sicherheitsarchitektur wird dabei systematisch ausgeblendet. Trumps Nationale Sicherheitsstrategie sieht vor, Geld und strukturelle Unterstützung an europäische Rechtspopulisten wie Nigel Farage zu lenken. Ein Londoner Büro von Project 2025 mit zwölf Mitarbeitern unterstützt diese Bemühungen aktiv.
Für die Midterms 2026 gilt nach Einschätzung von Clüver Ashbrook: Lokalwahlen gewinnt man mit lokalen Themen – Antikorruption, Wirtschaft, Alltagssorgen. Die Demokraten könnten davon profitieren. Die eigentliche Herausforderung aber liegt dahinter: eine neue, überzeugende politische Erzählung für eine Partei zu entwickeln, die sich selbst noch nicht gefunden hat. Das ist, so Clüver Ashbrook, die „Jahrhundertaufgabe” der amerikanischen Opposition.
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