Dieses Video wurde am 01.09.2026 von BILD auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Begriff „Nutznießer” hat eine politische Debatte ausgelöst. Bundeskanzler Friedrich Merz verwendete das Wort in einer RTL-Sendung gegenüber einer Kinderärztin, die ihm vorwarf, mit dem Sparpaket im Gesundheitswesen menschenverachtende Gesetze zu erlassen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Dr. Michael Deelmann, Chefarzt der Kinderklinik Flensburg, meldete sich in den sozialen Medien zu Wort – und erntete breite Zustimmung. Er erklärt, warum die Kindermedizin Unterfinanzierung ein systemisches Problem ist und Ärztinnen und Ärzte alles andere als Profiteure des Gesundheitssystems sind.
„Nutznießer” – eine Wortwahl mit Sprengkraft
Merz hatte in der TV-Sendung darauf hingewiesen, dass das Budget für das Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gestiegen sei und mittlerweile rund 500 Milliarden Euro umfasse. An die anwesende Kinderärztin gerichtet sagte er sinngemäß, sie sei als Teil dieses Systems ebenfalls Nutznießerin und könne ohne das Gesundheitssystem nicht leben.
Deelmann hat daraufhin die genaue Definition des Begriffs nachgeschlagen. Das Ergebnis: „Nutznießer” bezeichnet jemanden, der von etwas profitiert, das andere für ihn erarbeitet haben. Für den Chefarzt ist das ein fundamentaler Widerspruch zur Realität des Klinikalltags. „Das ist ein Schlag ins Gesicht von allen Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten”, sagt er. Er selbst arbeite seit Jahrzehnten am Limit – von Ausnützen könne keine Rede sein.
Kinderkliniken: Chronisch unterfinanziert seit Jahren
Das eigentliche Problem liegt laut Deelmann tiefer. Kinderkliniken in Deutschland sind seit der Einführung des DRG-Pauschalsystems – eines Systems, das Krankenhäuser nach Fallpauschalen vergütet – strukturell benachteiligt. Die Besonderheiten der Kindermedizin seien darin schlicht nicht ausreichend abgebildet.
Deutschland ist nach Angaben des Chefarztes weltweit das letzte Land, das dieses Vergütungssystem noch auf die Pädiatrie anwendet. Die Folgen sind gravierend:
- Rund 80 Prozent der Kosten in Kinderkliniken entfallen auf Personal
- Chronische Unterfinanzierung führt zwangsläufig zu Stellenabbau
- Die Kindermedizin ist zu etwa 80 Prozent Notfallmedizin – Personal muss ständig vorgehalten werden
- Hohe Vorhaltekosten treffen auf unzureichende Vergütung
- Qualitätsstandards – etwa für Perinatalzentren der höchsten Versorgungsstufe – sind verpflichtend, aber nicht ausreichend finanziert
Wenn ein System vom Grund her unterfinanziert ist, müsse es sparen – und gespart werde in der Regel zuerst beim Personal. Das sei, so Deelmann, das Kerndilemma der deutschen Kinderkliniken.
Inhalt der Kritik richtig, Wortwahl überzogen
Deelmann distanziert sich klar von der Formulierung der Kinderärztin in der RTL-Sendung, die dem Kanzler vorwarf, seinen Amtseid zu brechen und „zerstörerische” Gesetze zu erlassen. „Die Wortwahl ist nicht richtig – das kann man weniger persönlich angreifend formulieren”, sagt er. Zudem sei Merz nicht persönlich für die konkreten Sparvorschläge verantwortlich, diese kämen aus dem Gesundheitsministerium und von Beratern.
Inhaltlich aber stimmt er der Kinderärztin vollständig zu. Das Grundproblem sei ein Finanzierungssystem, das für die Pädiatrie schlicht nicht funktioniere – und das seit Jahren bekannt sei.
Prävention statt Reparatur: Ein Systemfehler mit Folgen
Deelmann weitet den Blick auf eine grundsätzlichere Schwäche des deutschen Gesundheitssystems: Prävention und Vorsorge werden strukturell schlechter honoriert als operative, planbare Eingriffe. Aufklärung und Vorsorgeuntersuchungen seien zeitaufwendige, „sprechende” Medizin – und würden finanziell kaum abgebildet.
Gut bezahlt hingegen werde alles, was viel Technik erfordere. Notfallmedizin und Prävention blieben dabei auf der Strecke. Das trifft die Kindermedizin besonders hart, da gerade dort Prävention den größten gesellschaftlichen Nutzen hätte.
Deelmann schlägt einen weiten Bogen: Wer die Versorgung von Kindern ernstnehmen wolle, müsse auch Familienunterstützung, Schulen, Kitas und medizinische Infrastruktur zusammendenken. In Deutschland, so sein Fazit, werde in die Jüngsten der Gesellschaft vergleichsweise am wenigsten investiert – das sei eine gesamtgesellschaftliche Fehlentscheidung mit langfristigen Konsequenzen. Die Debatte um das Sparpaket im Gesundheitswesen dürfte damit noch lange nicht beendet sein.
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