Dieses Video wurde am 30.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ab dem 1. September 2025 ist in Deutschland und Österreich das weltweit erste verschreibungspflichtige Cannabismedikament gegen chronische Schmerzen erhältlich. Das Präparat Exilby des Münchner Biopharmaunternehmens Futu basiert nicht auf einem Opioid, sondern auf medizinischem Cannabis. Es richtet sich gezielt an Patientinnen und Patienten, bei denen herkömmliche Schmerztherapien nicht mehr ausreichen – und trifft auf eine wachsende Nachfrage, seit Cannabisblüten ab dem 30. Juli dieses Jahres nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden.
Was ist Exilby und für wen ist es zugelassen?
Exilby ist speziell für die Behandlung von chronischen Rückenschmerzen mit Nervenbeteiligung zugelassen – medizinisch als neuropathische Schmerzkomponente bezeichnet. In Deutschland besteht darüber hinaus die Möglichkeit, das Mittel im Rahmen der Cannabismedizin für alle Patienten einzusetzen, bei denen die Standardtherapie ausgeschöpft ist.
Futu-Gründer und CEO Clemens Fischer betont, dass das Medikament ausdrücklich nicht für die Akuttherapie konzipiert ist – also nicht als Ersatz für Ibuprofen oder Paracetamol bei gelegentlichen Kopfschmerzen. Es sei vielmehr dann indiziert, wenn klassische Nicht-Opioid-Analgetika nicht mehr wirken und eine dauerhafte Schmerzerkrankung besteht.
Dosierung: Patienten titrieren die Dosis selbst
Ein zentrales Merkmal von Exilby ist das sogenannte Titrationsverfahren. Anders als bei einem herkömmlichen Medikament mit fester Standarddosis suchen Patientinnen und Patienten ihre optimale Menge schrittweise selbst heraus. Die verfügbaren Dosierungen reichen von 2,5 mg bis 32,5 mg.
Dieses Vorgehen ermöglicht eine individuell angepasste Therapie, erfordert aber auch eine engere Begleitung durch Ärztinnen und Ärzte. Fischer beschreibt es als einen der wesentlichen Vorteile gegenüber starren Dosierungsschemata klassischer Schmerzmittel.
Nebenwirkungen und Sicherheitsprofil
Wie alle wirksamen Arzneimittel hat auch Exilby Nebenwirkungen. In klinischen Studien traten diese vor allem in der anfänglichen Titrationsphase auf:
- Übelkeit in den ersten ein bis zwei Wochen
- Schwindel zu Beginn der Behandlung
- Deutlicher Rückgang der Nebenwirkungen im weiteren Therapieverlauf
- Im Langzeitverlauf nur noch 2 bis 3 Prozent der Patienten betroffen
Fischer hebt hervor, dass das Medikament im Gegensatz zu Opioiden kein Abhängigkeitspotenzial aufweise – ein entscheidender Vorteil angesichts der Opioid-Problematik in der Schmerzmedizin. Die Wirksamkeit und Sicherheit seien in aufwendigen klinischen Studien belegt worden.
Gegenwind und Forschungsstandort Deutschland
Die Markteinführung verlief nicht ohne Widerstand. Eine neue Gesetzgebung schreibt vor, dass bei schwerkranken Patienten zugelassene Fertigarzneimittel wie Exilby gegenüber Rezepturarzneimitteln priorisiert werden sollen. Das stieß bei verschiedenen Lobbyverbänden auf Kritik – wohl auch, weil es etablierte Anbieter unter Druck setzt.
Fischer zieht daraus auch eine grundsätzlichere Schlussfolgerung zur Innovationskultur in Deutschland: Fortschritt gelinge hierzulande trotz hervorragender Fachkräfte oft nur mühsam. Er vermisst eine Mentalität, die große Ziele setzt und Teilerfolge feiert, anstatt sich auf das Scheiternde zu konzentrieren. Als Vorbild nennt er explizit die „amerikanische Denke” – nicht Perfektion als Maßstab, sondern Mut zum Anfangen.
Mit der Einführung von Exilby betritt die Cannabismedizin in Deutschland eine neue Stufe der Seriosität: vom umstrittenen Lifestyle-Thema zum klinisch geprüften Arzneimittel. Ob das Präparat langfristig das Potenzial hat, die Schmerztherapie grundlegend zu verändern, wird sich in den kommenden Jahren zeigen – abhängig von Verschreibungsverhalten, Kostenerstattung und weiterer Forschung.
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