Dieses Video wurde am 10.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Wall Street verzeichnet den vierten Handelstag in Folge Verluste. Steigende Anleiherenditen, höhere Ölpreise und wachsende Sorgen um die US-Fiskalpolitik setzen dem Aktienmarkt zu. Die Marktbreite ist schwach – ohne die Kursgewinne bei Chip- und KI-Werten wäre das Minus im Nasdaq noch deutlich größer ausgefallen. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung durch die US-Notenbank auf fast 70 Prozent – ein Alarmsignal für Investoren.
Anleiherenditen signalisieren drei Zinserhöhungen
Die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen haben die Marke von 4,5 Prozent erreicht, während der Leitzins der Fed bei 3,75 Prozent liegt. Diese Spanne von rund 75 Basispunkten signalisiert, dass der Markt bereits drei weitere Zinsanhebungen einpreist. Der Druck auf Fed-Chef Kevin Waller nimmt spürbar zu.
Der Versuch von Finanzminister Scott Bessent, durch Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen im Volumen von 6 Milliarden Dollar die Lage zu stabilisieren, schlug fehl. Die Wall Street hatte mit mehr als 10 Milliarden Dollar gerechnet – die enttäuschte Erwartungshaltung ließ die Renditen am langen Ende weiter steigen. Erschwerend kommt hinzu, dass Bessent die Maßnahme kommunikativ ungeschickt begleitete und die Erwartungen zunächst zu hoch schraubte.
Die Erzeugerpreise für August lieferten dagegen kein eindeutiges Alarmsignal: Die entscheidende Kernrate (exklusive Nahrungsmittel und Energie) lag mit 0,2 Prozent sogar unter der Erwartung von 0,3 Prozent. Im Vorjahresvergleich traf die Kernrate mit 4,6 Prozent exakt die Prognose.
Trumps Fiskalpolitik als Belastungsfaktor
Auf einer Wahlkampfveranstaltung versprach Präsident Donald Trump erwachsenen Amerikanern eine Einmaldividende von 5.000 US-Dollar – vorausgesetzt, die Republikaner behalten nach den Zwischenwahlen die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Bei rund 270 Millionen Anspruchsberechtigten entspräche das einem Gesamtvolumen von etwa 1,3 Billionen Dollar.
Die Finanzierung soll laut Trump-Administration über Zolleinnahmen erfolgen – ein Plan, der aus mehreren Gründen zweifelhaft ist:
- Die reziproken Zölle wurden gerichtlich für illegal erklärt.
- Die USA erstatten Zölle derzeit aktiv zurück.
- Die nationale Verschuldung ist seit Trumps Amtsantritt bereits um 3,3 Billionen Dollar gestiegen.
- Das nominale BIP-Wachstum im gleichen Zeitraum lag nur bei 2,7 Billionen Dollar.
- Die Schulden wachsen damit schneller als die Wirtschaft selbst.
Diese Entwicklung drückt die Renditen der Staatsanleihen weiter nach oben und belastet den Aktienmarkt zusätzlich – zumal Trump signalisiert hat, dass sinkende Energiepreise frühestens nach den Zwischenwahlen zu erwarten seien.
Oracle und Adobe im Fokus – KI-Sektor bleibt Lichtblick
Trotz des schwachen Marktumfelds bleiben KI-Werte ein relativer Lichtblick. Taiwan Semiconductor meldete Augustumsätze, die 53 Prozent über dem Vorjahresniveau liegen – angetrieben vom anhaltenden KI-Boom. Auch Unternehmen wie Western Digital, Corning und KLA berichten von ausgesprochen starker Nachfrage.
Im Mittelpunkt des Abends standen die Quartalsergebnisse von Oracle und Adobe. Oracle gilt als Proxy für OpenAI und soll im Fiskaljahr 2027 einen Umsatz von 90 Milliarden Dollar erreichen. Der verfügbare Cashflow bleibt jedoch tief im negativen Bereich: Für das Fiskaljahr 2027 werden minus 47 Milliarden Dollar erwartet – eine schwarze Null dürfte erst 2030 erreicht werden. Besonders beobachtet werden die sogenannten RPOs (Remaining Performance Obligations), also gebuchte, aber noch nicht abgearbeitete Aufträge: Erwartet werden 640 Milliarden Dollar für das Fiskaljahr 2027.
Bei Adobe rechnen Analysten mit knapp 12 Prozent Umsatzwachstum, operativen Margen von 44 Prozent und einem Gewinn je Aktie von 6,08 Dollar. Risiken bestehen durch einen neuen Vorstand und eine angekündigte teilweise Neuausrichtung der Geschäftsstrategie.
Ausblick: Verbraucherpreise werden zur Richtungsentscheidung
Die am nächsten Tag erwarteten US-Verbraucherpreise könnten zur Richtungsentscheidung für die Geldpolitik werden. JP Morgan zufolge dürfte eine Kernrate von 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat die Fed zum Abwarten veranlassen, während 0,3 Prozent eine Zinsanhebung wahrscheinlicher machen würden. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass die Renditen zweijähriger Staatsanleihen eine Straffung ohnehin längst eingepreist haben.
Auch international bleibt die Lage angespannt: Die EZB hat die Zinsen erwartungsgemäß angehoben, weitere Schritte im Dezember oder Februar gelten als möglich. Die Bank of Japan dürfte ebenfalls bald nachziehen – ein Ausbleiben der Erhöhung könnte den Yen erneut unter massiven Druck bringen. Für den Aktienmarkt bedeutet das: Das Umfeld bleibt herausfordernd, solange Ölpreise, Anleiherenditen und fiskalpolitische Unsicherheiten das Geschehen dominieren.
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