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Der 11. September 2001 hat die Welt verändert – und kaum jemand kann das persönlicher bezeugen als Wolfgang Thierse, der damalige Bundestagspräsident der SPD. In einem Interview mit dem WELT Nachrichtensender blickt Thierse auf jenen Tag zurück, schildert seine unmittelbare Reaktion und zieht eine nüchterne Bilanz: Der islamistische Terror ist bis heute nicht besiegt, die Sicherheitsbehörden stehen vor größeren Herausforderungen denn je.
„Fassungslos” vor dem Fernsehgerät im Reichstagsgebäude
Thierse erinnert sich genau: Er saß in seinem Büro im Reichstagsgebäude, als ihn seine Sekretärin aufforderte, den Fernseher einzuschalten. Zunächst sah er Bilder vom ersten brennenden Turm des World Trade Center – und verstand nicht, was geschehen war. Dann, live vor seinen Augen, flog das zweite Flugzeug in den zweiten Turm.
„Ich war fassungslos wie wahrscheinlich viele andere auch”, sagt Thierse. Unmittelbar danach fragte er sich, welche geopolitischen Folgen es haben würde, wenn die USA als einzige Weltmacht so tief im Herzen getroffen werden.
Afghanistan-Einsatz und die Vertrauensfrage des Kanzlers
Wenige Monate nach den Anschlägen stimmte der Deutsche Bundestag im November 2001 über eine Beteiligung am Afghanistan-Einsatz ab. Die Mehrheit war keineswegs sicher – Bundeskanzler Gerhard Schröder verknüpfte die Abstimmung mit der Vertrauensfrage, um sie zu sichern.
Thierse erinnert an die damalige Solidaritätswelle mit den USA, die sich in einer Kundgebung am Brandenburger Tor manifestierte. Schröder verkündete dort die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands. Doch schon beim späteren Irakkrieg wurde der transatlantische Riss sichtbar: „Der Irakkrieg wurde mit einer Lüge begründet”, sagt Thierse, „und das hat das deutsch-amerikanische Verhältnis schwer und folgenreich beschädigt – bis heute.”
Thierse kritisiert Trumps Aussagen über Bundeswehr-Soldaten
Mit deutlichen Worten reagiert Thierse auf Äußerungen von Präsident Donald Trump, der den deutschen und europäischen Soldaten im Afghanistan-Einsatz vorgeworfen hatte, sich nicht ernsthaft beteiligt zu haben und sich hinter den Frontlinien versteckt zu haben.
„Das waren schlicht beleidigende Äußerungen”, urteilt Thierse. Er bezeichnet Trumps Darstellung als „historische Lüge”. Die Kritik an den Verbündeten verdecke zudem das eigentliche Problem: den beschämenden Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan, der auch der Bundeswehr schwer zugesetzt habe.
Mit Blick auf den NATO-Beistandspakt (Artikel 5) äußert Thierse Sorge: Die Politik Trumps sei nicht geeignet, das Bündnis zu stärken. Er hoffe, dass der Artikel 5 noch so verlässlich gelte wie 2001, als Europa solidarisch an der Seite der USA stand.
Islamismus bleibt Bedrohung – neue Technologien verschärfen die Gefahr
Anlass für aktuelle Besorgnis ist auch ein jüngster islamistisch motivierter Anschlag auf dem Christopher Street Day in Berlin. Thierse nimmt dies zum Anlass für eine grundsätzliche Warnung:
- Al-Qaida mag militärisch geschwächt sein, die islamistische Ideologie und ihre Netzwerke bestehen fort.
- Moderne Technologien wie Drohnen und digitale Kommunikation eröffnen Terroristen neue Möglichkeiten.
- Die Arbeit von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden ist wichtiger denn je.
- Neben der Sicherheitspolitik sei auch die kulturelle und ideelle Auseinandersetzung mit dem Islamismus unverzichtbar.
- Prävention und gesellschaftliche Debatte müssen als innenpolitische Aufgabe ernst genommen werden.
Den von George W. Bush ausgerufenen „War on Terror” bewertet Thierse kritisch: Orte wie Guantanamo und Abu Ghraib hätten die Welt gespalten statt geeint. Dennoch mahnt er zur Nüchternheit – die Bedrohung durch islamistischen Terror sei 25 Jahre nach dem 11. September ungebrochen real.
Thierses Bilanz ist ernüchternd, aber klar: Die westlichen Demokratien müssen wachsam bleiben – mit leistungsfähigen Sicherheitsbehörden, aber auch mit einer entschlossenen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit extremistischen Ideologien. Wie belastbar das transatlantische Bündnis in einer erneuten Krise wäre, bleibt nach Ansicht des früheren Bundestagspräsidenten eine offene und beunruhigende Frage.
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