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Der AfD-Aufstieg erschüttert die deutsche Parteienlandschaft – doch er könnte zumindest teilweise das Ergebnis einer bewussten strategischen Entscheidung im Umfeld von CDU-Chefin Angela Merkel gewesen sein. WELT-Kolumnist und Politikjournalist Robin Alexander hat in seiner Analyse die Ursprünge dieser Strategie nachverfolgt und kommt zu einem ernüchternden Befund: Was als kalkulierbarer Vorteil galt, ist zu einer der prägendsten Verschiebungen der deutschen Nachkriegspolitik geworden.
Ein Strategiepapier aus dem Jahr 2014: Die AfD als „Chance der Union”
Den Ausgangspunkt von Alexanders Analyse bildet ein Aufsatz des Meinungsforschers Matthias Jung aus dem Jahr 2014 – jenem Mann, auf den Merkel bei politischen Analysen regelmäßig setzte. Der Titel des Papiers lautet provokant: „Die AfD als Chance der Union”.
Darin argumentierte Jung, eine rechtspopulistische Partei im Parlament könnte der Union durchaus nützen. Die CDU/CSU würde dadurch das Image, zu weit rechts zu stehen, abgeben können und zugleich Anschlussfähigkeit in der politischen Mitte gewinnen. Außerdem rechnete Jung vor, dass eine linke Mehrheit aus SPD, Grünen und Linkspartei rechnerisch stets möglich gewesen wäre – mit dem Einzug der AfD in den Bundestag würde genau diese Mehrheitsoption wegfallen.
Alexander nennt das Papier „total zynisch”. Entscheidend ist jedoch: 2016, als die AfD erstmals in westdeutsche Landtage einzog, wurde Jung zur Strategiesitzung der CDU-Führung geladen, um seinen Ansatz vorzustellen.
Der Bruch mit der Strauß-Doktrin
Die klassische Antwort der Union auf Rechtsaußen-Parteien lautete seit Jahrzehnten anders. Franz Josef Strauß hatte die sogenannte Strauß-Doktrin geprägt: „Rechts von uns darf es nichts geben.” Diese Maxime bedeutete aktive Bekämpfung – bis hin zur Grundgesetzänderung beim Asylrecht gemeinsam mit der SPD, um die Republikaner aus den Parlamenten zu drängen.
Die Merkel-Strategie, so Alexander, brach mit dieser Tradition. Anstatt die AfD konsequent zu marginalisieren, akzeptierte die CDU-Führung deren parlamentarische Existenz als kalkulierbares Nebenprodukt einer auf die Mitte ausgerichteten Politik.
- Strauß-Doktrin: Rechtsaußen-Parteien aktiv aus Parlamenten fernhalten
- Merkel-Strategie: Mitte stärken, Rechtsaußen als toleriertes Korrektiv dulden
- Matthias Jungs Kalkül: AfD verhindert linke Mehrheiten und entlastet die Union ideologisch
- Horst Seehofer warnte frühzeitig: „Den Geist kriegen wir nie wieder in die Flasche”
Gerade Horst Seehofer, damaliger CSU-Chef und erklärter Gegner der Grenzöffnung 2015, hatte intern gewarnt, dass ein Erstarken rechts der Union nicht mehr einzufangen sein würde. Merkel setzte die Warnung beiseite – für das, was sie als „größere Ziele” bezeichnete.
2015 als Wendepunkt: Eine andere AfD entsteht
Alexanders Gesprächspartnerin weist auf einen wichtigen Kontext hin: Als Jung sein Papier verfasste, war die AfD noch eine andere Partei. 2013 als euroskeptische Partei von Wirtschaftswissenschaftlern gegründet, radikalisierte sie sich erst nach der Migrationskrise 2015 deutlich in Richtung eines nationalistischen Rechtsaußen-Spektrums.
Ob Jung sein Papier unter diesen Umständen ähnlich verfasst hätte, lässt Alexander offen. Doch er betont: Die Strategie lebte über die Radikalisierung der AfD hinaus fort. Noch im Bundestagswahlkampf 2017 erklärte CDU-Generalsekretär Peter Tauber gegenüber Alexander, dass die Sozialdemokratie der eigentliche Gegner bleibe – nicht die AfD.
Dass Merkel in dieser Woche erklärte, ihr „blutet das Herz” angesichts des AfD-Erfolgs, wirkt vor diesem Hintergrund zumindest widersprüchlich.
Fehlkalkulation mit langfristigen Folgen
Die zentrale Fehleinschätzung, so Alexander, lag in der Annahme, die AfD würde dauerhaft isoliert im rechten Parlamentswinkel verharren, ohne die politische Mitte zu destabilisieren. Diese Rechnung ging nicht auf.
Stattdessen ist die AfD zur zweitstärksten politischen Kraft in Deutschland aufgestiegen, hat die Debatten in der Breite nach rechts verschoben und zwingt die etablierten Parteien seither zur permanenten Positionierung. Was als taktisches Mittel zur Sicherung von Mehrheiten gedacht war, hat das gesamte Parteiensystem verändert.
Die Frage, ob und inwieweit innerhalb der Union heute eine kritische Reflexion dieser Strategie stattfindet, beantwortet Alexander zurückhaltend. Die Erkenntnis, dass der damals eingeschlagene Weg möglicherweise falsch war, scheint sich erst langsam durchzusetzen – während die politischen Konsequenzen längst Realität sind.
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