Dieses Video wurde am 04.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Dass Menschen mit Migrationshintergrund die AfD wählen, klingt auf den ersten Blick paradox – und ist dennoch kein neues Phänomen. Die Menschenrechtlerin und Autorin Seiran Artisch, die auch eine liberale Moschee betreibt, erklärt, warum AfD-Wähler mit Migrationshintergrund keine Seltenheit sind, und ordnet gleichzeitig den wachsenden Kampf demokratischer Parteien um muslimische Wählerstimmen kritisch ein. Anlass war eine Debatte rund um die Nutzung einer Berliner Moschee als Wahllokal.
Moschee als Wahllokal: Zwischen Demokratie und Tradition
Konkret steht die Khadija-Moschee in Berlin-Pankow im Fokus – eine Einrichtung der Ahmadiyya-Gemeinde. Grundsätzlich spreche nichts dagegen, religiöse Räumlichkeiten als Wahllokale zu nutzen, so Artisch, sofern Gebetsraum und Gemeindesaal klar getrennt werden. Schließlich würden auch andere religiöse Einrichtungen für diesen Zweck verwendet.
Allerdings übt Artisch deutliche Kritik an der Ahmadiyya-Gemeinde selbst. Diese halte strikt an der Geschlechtertrennung fest und schließe Mitglieder der LGBT-Community explizit aus. Als einen „demokratischen Ort” im eigentlichen Sinne wolle sie die Moschee daher nicht bezeichnen, auch wenn konservativ Gläubige selbstverständlich ihren Platz in einer pluralistischen Demokratie hätten.
Offen bleibt die praktische Frage: Wird die Gemeinde an diesem Tag auf ihre gewohnte Geschlechtertrennung verzichten – oder doch versuchen, auch beim Urnengang Männer und Frauen getrennt zu führen? Letzteres wäre mit dem Gleichheitsgrundsatz einer demokratischen Wahl unvereinbar.
Der Kampf der Parteien um muslimische Wählerstimmen
Muslimische Wählerinnen und Wähler sind in Deutschland zu einer politisch relevanten Gruppe geworden. Artisch beschreibt, wie demokratische Parteien zunehmend in konservative Moscheen und Begegnungsstätten gehen, um Wahlkampf zu betreiben – und dabei in Kauf nehmen, mit Gruppen zu kooperieren, die in Fragen von Frauenrechten und Minderheitenrechten nicht uneingeschränkt auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.
Artisch zieht dabei eine Parallele zu Recep Tayyip Erdoğan, der früh erkannte, dass Auslandstürken ein entscheidender Wählerblock sein können. Heute, so ihre Einschätzung, wiederholen westliche Parteien dieses Muster – mit dem Unterschied, dass sie dabei ihre eigenen demokratischen Werte verwässern könnten.
- Konservative muslimische Gruppen bieten Parteien Wählerstimmen an – im Tausch für politisches Entgegenkommen.
- Demokratische Parteien gehen zunehmend auf diese Gruppen zu, auch wenn deren Wertvorstellungen teils verfassungsfern sind.
- Das Muster ähnelt laut Artisch der Strategie Erdoğans mit der türkischen Diaspora.
- Artisch bezeichnet diese Entwicklung ausdrücklich als „traurig für unsere Demokratie”.
Warum Migranten die AfD wählen
Das Phänomen der AfD-Wähler mit Migrationshintergrund beobachtet Artisch nach eigenen Angaben seit der Gründung der Partei. Es handelt sich dabei nicht um eine Randerscheinung: Viele Menschen aus der ersten, dritten oder vierten Generation türkischer und kurdischer Einwanderer argumentieren, dass die neue Zuwanderung das Deutschland, das sie als Heimat kennengelernt haben, grundlegend verändere.
„Ich kenne sehr viele Menschen, die sagen, ich mache inzwischen als Türke, als Kurde mein Kreuz bei der AfD, weil die neue Zuwanderung dieses Land zerstört, das ich als Migrant als Heimat kennengelernt habe”, so Artisch. Diese Haltung speise sich aus dem Wunsch, das gesellschaftliche Bild Deutschlands zu erhalten, das man als Gastarbeiter oder deren Nachkommen vorgefunden und verinnerlicht habe.
Das Argument ist kein ideologisches Bekenntnis zur AfD-Gesamtprogrammatik, sondern ein migrationspolitisches Motiv: Wer selbst den langen Weg der Integration durchlaufen hat, betrachtet unkontrollierte Einwanderung mitunter als Bedrohung des mühsam Erreichten.
Einordnung: Demokratie unter Druck
Die Debatte offenbart eine doppelte Spannung im deutschen Parteiensystem. Einerseits buhlen Parteien um konservativ-religiöse Milieus, ohne dabei ihre eigenen Wertmaßstäbe konsequent anzulegen. Andererseits wächst innerhalb etablierter Migrantengemeinschaften eine Skepsis gegenüber weiterer Migration, die sich wahlpolitisch in überraschenden Richtungen entlädt.
Artischs Analyse legt nahe, dass beide Entwicklungen langfristig die demokratische Kultur Deutschlands herausfordern – und dass eine ehrliche gesellschaftliche Debatte dringend nötig ist, statt bloßem Stimmenfang in allen Lagern.
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