Dieses Video wurde am 04.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Georgia Meloni hat in Italien Geschichte geschrieben: Nach vier Jahren im Amt ist sie die am längsten regierende Ministerpräsidentin des Landes – ein bemerkenswerter Rekord in einem Land, das seit 1946 rund 70 Regierungen verschlissen hat. Durchschnittlich hält eine italienische Regierung kaum mehr als ein Jahr. Wie hat Meloni diesen scheinbar unüberwindbaren politischen Instinkt Italiens überwunden – und welche Herausforderungen warten vor der nächsten Wahl?
Ein Rekord in einem Land der Regierungskrisen
Italien gilt seit Jahrzehnten als Paradebeispiel politischer Instabilität. Die durchschnittliche Amtszeit einer Regierung liegt bei etwas mehr als einem Jahr. Vor diesem Hintergrund ist Melonis Amtszeit von vier Jahren eine außergewöhnliche Leistung. Ihre rechte Regierungskoalition hat sich als stabil erwiesen – ein Umstand, der in Rom alles andere als selbstverständlich ist.
Hinzu kommt, dass Meloni trotz der langen Amtszeit in der Bevölkerung weiterhin beliebt ist. Umfragen sehen sie unangefochten an der Spitze. Dieser Rückhalt speist sich aus zwei Quellen: der innenpolitischen Stabilität und einem außenpolitischen Auftreten, das Italien als ernstzunehmenden Partner innerhalb Europas positioniert hat.
Pragmatismus statt Postfaschismus – Melonis Erfolgsrezept
Bei ihrem Amtsantritt war die Aufregung groß. Internationale Medien titelten über die „gefährlichste Frau Europas” und warnten vor einer Rückkehr des Postfaschismus. Von diesen Befürchtungen ist wenig übrig geblieben. Meloni überraschte Kritiker und Verbündete gleichermaßen mit einem pragmatischen Regierungsstil.
Ihr erstes Auslandsreiseziel als Regierungschefin war Brüssel – ein bewusstes Signal proeuropäischer Verlässlichkeit. Sie baute gute Beziehungen zu EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf und drückte der europäischen Politik in zwei zentralen Bereichen ihren Stempel auf:
- Beim Green Deal setzte sie sich für eine Abschwächung ambitionierter Klimaziele ein und erzielte dabei Teilerfolge.
- In der Migrationspolitik positionierte sie sich als treibende Kraft für eine restriktivere europäische Linie.
- Auf internationalem Parkett nutzte sie ihr Verhandlungsgeschick, um Italiens Gewicht in der EU zu stärken.
Diese positive Erzählung – Italien werde von seinen Partnern wieder auf Augenhöhe wahrgenommen – verfing sich in der Bevölkerung und sicherte ihr dauerhaften Rückhalt.
Wirtschaftliche Schwächen bleiben ungelöst
Die Bilanz fällt dennoch nicht durchgehend positiv aus. Auf wirtschaftlichem Terrain bleibt die Regierung hinter den Erwartungen zurück. Das Wirtschaftswachstum hat sich bei rund 0,5 Prozent eingependelt – ein schwacher Wert für eine der größten Volkswirtschaften der Eurozone.
Zwar ist die Beschäftigungslage stabil, doch viele Italienerinnen und Italiener leiden unter hoher Inflation und gestiegenen Energiepreisen. Ökonomen bemängeln das Ausbleiben struktureller Reformen. Die Regierung hat in vier Jahren keine grundlegenden Weichenstellungen vorgenommen, die das Land langfristig wettbewerbsfähiger machen würden. Hier klafft eine spürbare Lücke zwischen politischem Narrativ und wirtschaftlicher Realität.
Neue Konkurrenz von rechts: Roberto Vanacci und Futuro Nazionale
Die eigentliche Herausforderung vor der nächsten Parlamentswahl kommt nicht von links, sondern aus dem eigenen politischen Lager. Mit Roberto Vanacci und seiner Partei Futuro Nazionale ist ein neuer Akteur auf der rechten Seite des Spektrums entstanden. Die Partei wurde erst in diesem Jahr offiziell gegründet und steht bereits bei rund 8 Prozent in Umfragen.
Vanacci greift Meloni mit ihren eigenen Mitteln an: Er wirft ihr vor, die Ideale der Rechten in der Regierungsverantwortung verraten zu haben, und versucht, sie von rechts zu überholen. Besonders unter Druck gerät dadurch Matteo Salvinis Lega, Koalitionspartner Melonis – doch auch die Mehrheit der gesamten Koalition ist gefährdet.
Für Meloni bedeutet dieser Druck ein Dilemma: Um das Wählerpotenzial rechts von sich nicht dauerhaft zu verlieren, könnte sie sich zu einer radikaleren Politik gezwungen sehen – was wiederum ihre außenpolitische Glaubwürdigkeit als pragmatische Staatsfrau gefährden würde. Die Wahl wird zur Probe aufs Exempel, ob ihre Mischung aus Stabilität und Pragmatismus langfristig trägt oder ob der Sog von rechts die Koalition sprengt. Italiens nächstes politisches Kapitel dürfte turbulenter werden als das bisherige.
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