Dieses Video wurde am 30.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Beim Island Referendum über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen hat sich das Nein-Lager knapp durchgesetzt. Mehr als 270.000 Isländerinnen und Isländer waren aufgerufen, darüber abzustimmen, ob ihr Land eine Annäherung an die Europäische Union anstreben soll. Trotz zuletzt gewachsener Sympathien für einen EU-Beitritt – befeuert durch die Annexionsdrohungen von US-Präsident Donald Trump gegen Grönland – votierten die Isländerinnen und Isländer am Ende gegen neue Verhandlungen mit Brüssel.
Stadt gegen Land: Gespaltenes Abstimmungsergebnis
Das Ergebnis offenbart eine deutliche geografische Spaltung des Landes. Einzig in der Hauptstadt Reykjavík sprach sich eine Mehrheit für die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen aus. Alle ländlicheren Regionen Islands stimmten hingegen mehrheitlich dagegen.
Diese Verteilung ist kein Zufall: In den ländlichen Gebieten spielen Themen wie Fischerei und Landwirtschaft eine weit größere Rolle als in der urban geprägten Hauptstadt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner dieser Regionen befürchten, bei einem EU-Beitritt die Kontrolle über ihre wirtschaftlichen Kernbereiche zu verlieren.
Fischereirechte als entscheidender Faktor
Das Nein-Lager setzte im Wahlkampf stark auf das Thema Fischereirechte. Die isländische Fischerei ist historisch gewachsen und nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsfaktor des Landes. Die Sorge, sich einer gemeinsamen EU-Fischereipolitik unterordnen zu müssen und damit die Hoheit über die eigenen Gewässer abzugeben, mobilisierte besonders die Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt.
Die zentralen Argumente des Nein-Lagers lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Verlust der eigenständigen Kontrolle über Fischereirechte und Fangquoten
- Drohende Unterordnung der isländischen Landwirtschaft unter EU-Vorschriften
- Gefährdung der nationalen Souveränität zugunsten Brüssels
- Skepsis gegenüber dem Euro als Ersatz für die isländische Krone
Souveränität und Social Media: Wie das Nein-Lager gewann
Neben den wirtschaftlichen Argumenten appellierte das Nein-Lager auch stark an das Nationalgefühl der Isländerinnen und Isländer. Da Island erst seit vergleichsweise kurzer Zeit unabhängig ist, hat das Thema nationale Autonomie einen besonders hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Das Nein-Lager argumentierte, man dürfe diese hart erkämpfte Unabhängigkeit keinesfalls an Brüssel abgeben.
Auffällig war zudem der intensive Social-Media-Wahlkampf der EU-Gegner. Mit zahlreichen Videos und einer gezielten Ansprache jüngerer Zielgruppen gelang es dem Nein-Lager offenbar, auf den letzten Metern des Wahlkampfs junge Wählerinnen und Wähler auf seine Seite zu ziehen – wie Umfragen kurz vor dem Referendum andeuten. Dabei arbeiteten die Kampagnen teilweise auch mit Halbwahrheiten.
Ja-Lager mit wirtschaftlichen Argumenten gescheitert
Die isländische Regierung und das Ja-Lager setzten im Wahlkampf auf andere Schwerpunkte. Angesichts der anhaltend hohen Inflation in Island warben sie dafür, dass eine Einführung des Euro zur Stabilisierung der Preise beitragen könnte. Zudem brachten sie sicherheitspolitische Argumente ins Spiel – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen rund um Grönland und die Arktis.
Diese Botschaften stießen bei einem Großteil der Bevölkerung jedoch auf wenig Resonanz. Themen wie Souveränität und Fischereirechte wogen für viele Isländerinnen und Isländer am Ende deutlich schwerer als wirtschaftliche oder außenpolitische Überlegungen.
Mit dem knappen Nein beim Referendum bleibt Islands Verhältnis zur EU zunächst unverändert. Das Land ist weiterhin über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) eng mit der EU verbunden, ohne Vollmitglied zu sein. Ob und wann eine erneute Abstimmung über einen möglichen Beitritt auf die politische Agenda rückt, ist derzeit offen. Das Ergebnis zeigt jedoch, wie tief verwurzelt die Skepsis gegenüber einer engeren europäischen Integration in weiten Teilen der isländischen Gesellschaft ist.
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