Dieses Video wurde am 06.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die AfD in Sachsen-Anhalt hat bei der Landtagswahl ein starkes Ergebnis eingefahren. Politikerin und Analystin Antje Hermenau sieht dafür zwei entscheidende Ursachen: den von außen wahrgenommenen Druck auf Wählerinnen und Wähler im Osten sowie die außergewöhnliche Strahlkraft des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Beide Faktoren hätten sich gegenseitig verstärkt und der Partei einen professionell inszenierten Wahlkampfsieg ermöglicht.
Drohungen und Überziehungen als Verstärker des AfD-Erfolgs
Hermenau vertritt die These, dass öffentliche Drohgebärden gegenüber einem möglichen AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt den gegenteiligen Effekt erzielt haben. Diskussionen über das Einbehalten von Geldern aus dem Länderfinanzausgleich oder aus EU-Töpfen, ja sogar über das Einsetzen eines Reichsverwesers per Bundeszwang, hätten bei vielen Ostdeutschen das Gefühl ausgelöst, bevormundet zu werden.
„Das riecht und stinkt nach Angst vor der Demokratie”, so Hermenaus pointierte Einschätzung. Sie beobachtet dieses Muster nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Brandenburg und Thüringen: Überspitzungen von außen führten dazu, dass Wählerinnen und Wähler die AfD aus einer Art demokratischem Trotzgefühl heraus stärken wollten.
Als historisches Gegenbeispiel verweist sie auf das Saarland, wo die SPD jahrelang mit absoluter Mehrheit regierte – ohne dass dies als demokratisches Problem gegolten hätte. Wer Parteien in einer Wagenburg zusammenhalte, verhindere politische Entscheidungen und liefere der AfD dauerhaft Munition.
Siegmund: Charisma, Heimatbindung und Aufbruchsstimmung
Der zweite Schlüsselfaktor ist laut Hermenau Ulrich Siegmund selbst. Der AfD-Kandidat ist in Tangermünde verwurzelt, hat dort Familie gegründet und betont öffentlich, bleiben zu wollen. Diese glaubwürdige Heimatbindung unterscheide ihn von vielen anderen Politikern.
Hermenau beschreibt ihn als auffassungsschnell und situationssicher – Eigenschaften, die bei Veranstaltungen unmittelbar spürbar seien. Seinem Mitbewerber Schulze attestiert sie zwar fachliche Detailkenntnis, aber mangelnde Ausstrahlung: „Er hat eine Ausstrahlung von der Büroklammer.”
Siegmund hingegen vermittle Zukunftsvertrauen – ein Gefühl, das im politischen Diskurs Deutschlands nach Hermenaus Einschätzung weitgehend fehle. Seine Botschaft laute sinngemäß: Wir bauen uns das hier selbst auf, unabhängig davon, was in Berlin entschieden wird.
Professioneller Wahlkampf im digitalen Raum
Aus wahlkampfforscherischer Perspektive gilt der AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt als bemerkenswert professionell. Wichtige Merkmale:
- Früher Aufbau einer digitalen Followerschaft – bereits drei bis vier Jahre vor der Wahl
- Entwicklung eines konsistenten politischen Narrativs
- Veranstaltung sogenannter „Demokratiefeste” mit niedrigschwelligem Zugang: Bratwurst, Kinderprogramm, persönliche Begegnungen mit Siegmund
- Gezielte Ansprache von Menschen, die bislang wenig politisch engagiert waren
- Konsequente Besetzung der digitalen Agenda
Hermenau betont, dass andere Parteien dieselben Instrumente hätten nutzen können – es aber nicht taten.
Themen, die ankamen – und wie sie gerahmt wurden
Ein zentraler Streitpunkt in der Analyse ist Siegmunds Umgang mit dem Thema ausländische Fachkräfte im Gesundheitswesen. Hermenau schildert Erfahrungen aus ihrem persönlichen Umfeld, wonach Frauen in Notlagen auf mangelnde Sprachkompetenz oder respektloses Verhalten bei Ärzten getroffen seien – Erlebnisse, die Siegmund öffentlich anspreche, während andere Diskussionsteilnehmer ihm das Wort abschneiden.
Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass Siegmunds Position differenzierter sei als oft dargestellt: Er spreche sich nicht pauschal gegen Fachkräfte aus dem Ausland aus, erkenne integrierten Zuwanderern ausdrücklich Dankbarkeit zu, problematisiere aber unkontrollierte Zuwanderung, steigende Kriminalität und die Belastung des Sozialstaats durch Nicht-Einzahlende.
Auf die Frage nach Alternativen zum Fachkräftemangel verwies Siegmund demnach auf die Stärkung des Zukunftsvertrauens als Voraussetzung dafür, dass einheimische Familien wieder mehr Kinder bekommen – ein Argument, das Hermenau zumindest als Teil einer Antwort gelten lässt.
Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt dürfte die Debatte über den Umgang mit der Partei bundesweit neu befeuern. Hermenaus Analyse legt nahe, dass pauschale Ausgrenzung und Drohpolitik das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken – und dass Charisma kombiniert mit einem professionell gesteuerten Wahlkampf eine Kraft entfalten kann, die etablierte Parteien bislang unterschätzt haben.
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