Dieses Video wurde am 07.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Landtagswahl Sachsen-Anhalt hat eine politische Zäsur gebracht: Die AfD unter Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist erstmals stärkste Kraft im Landtag geworden – bei einer Rekordwahlbeteiligung und einem Rekordergebnis für die Partei. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte dagegen auf unter 20 Prozent ab und halbierte damit ihr Ergebnis von vor fünf Jahren. Die Regierungsbildung gestaltet sich für alle Beteiligten äußerst schwierig.
AfD gewinnt – doch Alleinregierung bleibt außer Reichweite
Ulrich Siegmund reklamierte nach dem Wahlergebnis umgehend einen Regierungsauftrag für die AfD. Eine stabile Alleinregierung ist für die Partei jedoch nicht möglich – die absolute Mehrheit wurde knapp verfehlt. Siegmund machte deutlich, dass er keine Koalition mit Parteien eingehen will, die er dem linken Spektrum zurechnet.
Auf wiederholte Nachfragen zur möglichen Zusammenarbeit mit dem BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) hatte Siegmund im Vorfeld der Wahl stets kategorisch abgelehnt. Nach dem Wahltag klang die Rhetorik auf BSW-Seite jedoch offener: Spitzenkandidatin Wittig signalisierte grundsätzliche Gesprächsbereitschaft und betonte, man entscheide „immer in der Sache” – auch mit der AfD, sofern es inhaltliche Überschneidungen gebe.
CDU-Desaster: Schulze unter Druck, Junge Union fordert Rücktritt
Für die CDU Sachsen-Anhalt war die Wahlnacht ein Debakel. Mit einem Ergebnis von rund 17 Prozent verlor die Partei massiv an Boden. Die bisherige Regierungskoalition aus CDU, SPD und FDP ist Geschichte – die FDP scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und flog aus dem Landtag.
In der CDU brodelt es: Die Junge Union Sachsen-Anhalt forderte noch in der Wahlnacht den Rücktritt Schulzes vom Landesvorsitz. Innerparteiliche Kräfte zerren an dem noch amtierenden Ministerpräsidenten. Schulze selbst kündigte an, die Lage zunächst im Parteivorstand zu besprechen. Ob er einen erneuten Anlauf auf das Ministerpräsidentenamt wagen wird oder die Politik verlässt, blieb unmittelbar nach der Wahl offen.
Komplizierter Bündnispoker: Welche Koalitionen sind denkbar?
Die Optionen für eine Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt sind begrenzt und politisch heikel. Folgende Szenarien werden diskutiert:
- AfD und BSW: Das BSW hat Kooperationsbereitschaft signalisiert; die AfD schloss dies bisher aus, könnte aber umschwenken.
- CDU, SPD, Grüne und Linke: Rechnerisch möglich, aber inhaltlich weit auseinander – und für viele CDU-Mitglieder undenkbar.
- CDU-Abgeordnete wechseln zur AfD: Spekulationen, wonach einzelne CDU-Mandatsträger zur AfD überwechseln könnten, um dieser zur absoluten Mehrheit zu verhelfen, kursieren bereits.
- Tolerierung: Eine Minderheitsregierung, die von einer anderen Partei fallweise geduldet wird, gilt ebenfalls als denkbares Szenario.
Auch die Linke erklärte sich bereit, eine CDU-geführte Regierung zu stützen – knüpfte daran jedoch die Bedingung, dass sich die CDU inhaltlich deutlich bewegt. Aus CDU-Reihen kam dazu ein klares Nein: Eine Zusammenarbeit mit der Linken sei für viele Mitglieder schlicht nicht vorstellbar.
Ausblick: Sachsen-Anhalt als Testfall für Ostdeutschland
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt stellt die etablierten Parteien vor eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich in einem Bundesland regieren, in dem die Volkspartei CDU massiv geschwächt ist und die AfD keine koalitionsfähige Partei sein will? Die Koalitionsverhandlungen dürften sich über Wochen hinziehen.
Sachsen-Anhalt gilt als Gradmesser für die politische Stimmung in Ostdeutschland. Das starke Abschneiden der AfD und das gleichzeitige Erstarken des BSW deuten darauf hin, dass das politische Koordinatensystem im Osten neu justiert wird – mit Folgen, die weit über die Landesgrenzen hinauswirken könnten.
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