Dieses Video wurde am 02.09.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
TradingView hat sich in rund zwölf Jahren von einem kleinen Startup zu einer der weltweit führenden Finanzplattformen für Privatanleger entwickelt. Rauan Khassan, verantwortlich für das globale Wachstum des Unternehmens, erklärt im Interview, warum das klassische Sparkonto in 20 Jahren der Vergangenheit angehören dürfte, wie die deutsche Trading-Community aufholt und weshalb der Handel bald rund um die Uhr stattfinden wird.
TradingView: Von der Nischenplattform zur globalen Retail-Drehscheibe
Khassan stieß vor elf Jahren als einfacher Nutzer zu TradingView – damals noch in den ersten Betriebsjahren der Plattform. Was als persönliches Handwerkszeug begann, wurde zur Karriere. Heute versteht sich TradingView als All-in-One-Plattform für Privatanleger, die geographisch und nach Anlageklassen vollständig agnostisch aufgestellt ist.
Die Nutzerbasis verteilt sich heute auf drei annähernd gleich große Blöcke: rund 40 Prozent aus dem asiatisch-pazifischen Raum inklusive Südasien, etwa 30 Prozent aus Nord- und Südamerika sowie 30 Prozent aus Europa. Als überraschend starker Wachstumsmarkt gilt Thailand, das sich zuletzt unter die Top-10-Märkte weltweit vorgearbeitet hat.
Das Kernangebot reicht von klassischen Aktien und Futures über Krypto-Märkte bis hin zu Zertifikaten und Anleihen. Gerade Semi-professionelle Funktionen, die früher nur institutionellen Akteuren zugänglich waren, stehen nun jedem Nutzer offen.
Deutsche Trader: Warum Deutschland besonders stark wächst
Die deutsche Community hat sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre deutlich dynamischer entwickelt als die Vergleichmärkte Großbritannien und Frankreich. Khassan führt das auf die besondere Marktvielfalt in Deutschland zurück:
- Uneingeschränkter Zugang zu internationalen Börsen wie US-Märkten und Euronext
- Ein voll ausgebautes Xetra-Segment mit eigenem Charakter
- Ein lebhafter Zertifikatemarkt, der international nahezu einzigartig ist
- Freier Zugang zu globalen Krypto-Börsen ohne wesentliche Restriktionen
- Starke heimische Anbieter aus dem DACH-Raum
Viele andere Länder schützen ihren lokalen Markt durch Gebührenbarrieren oder regulatorische Hürden. Deutschland hingegen öffnet Privatanlegern ein breites Spektrum – ein Modell, das laut Khassan die adressierbare Nutzerbasis erheblich vergrößert.
KI, Indikatoren und der 24/7-Handel der Zukunft
TradingView setzt konsequent auf technologische Erweiterungen. Im April dieses Jahres wurde ein eigener KI-Copilot in einer geschlossenen Beta eingeführt – das Interesse überstieg die verfügbaren Plätze deutlich. Noch im kommenden Quartal soll das Tool die Betaphase verlassen. Langfristig ist geplant, den Copiloten auch in Pine Script zu integrieren, die hauseigene Programmiersprache für individuelle Indikatoren.
Pine Script basiert auf der Easel-Sprache, wurde aber auf rund 100 bis 120 Operatoren reduziert, die speziell für technische Analyse optimiert sind. Durch den Boom des sogenannten Vibe-Codings beobachtet das Unternehmen einen deutlichen Anstieg selbst erstellter Indikatoren. Über die neue Funktion „Spaces” können Entwickler ihren Code öffentlich, auf Einladung oder hinter einer Paywall veröffentlichen – mit voller Vergütung für die Ersteller.
Beim Thema Handelszeiten sieht Khassan eine klare Richtung: Krypto-Plattformen wie Hyperliquid und Prognosemärkte schließen die Lücke des Wochenendhandels. 24/7-Handel sei damit keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann. Auch traditionelle Börsen wie die Nasdaq signalisierten bereits längere Handelszeiten.
Sparkonten, tokenisierte Assets und die nächsten 20 Jahre
Auf die Frage nach seiner kühnsten Prognose für die kommenden zwei Jahrzehnte gibt Khassan eine klare Antwort: Das klassische Sparkonto wird verschwinden. An seine Stelle treten verwaltete Konten, die an konkrete Vermögenswerte geknüpft sind – ob automatisiert oder manuell, mit unterschiedlichen Risikoprofilen.
Tokenisierte Wertpapiere sieht er hingegen differenzierter. Sie schaffen Zugang für Anleger aus Märkten, in denen klassische Depoteröffnungen mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden sind. Doch bei tokenisierten Realwerten wie Immobilien oder Rohstoffen bleibt das Liquiditätsproblem und die zuverlässige Preisfindung – das sogenannte Oracle-Problem – ein wesentliches Hindernis.
Prognosemärkte betrachtet Khassan als aufstrebende Anlageklasse, mahnt jedoch zur Nüchternheit: Weltweit nehmen aktuell weniger als zehn Millionen Nutzer aktiv daran teil – gemessen an einer globalen Trader-Zielgruppe von rund 500 Millionen eine überschaubare Zahl. TradingView beobachtet die Entwicklung genau und arbeitet daran, Prognosemärkte direkt auf der Plattform abbildbar zu machen. Der Ausblick bleibt ambitioniert: Wer heute die Kombination aus Liquidität und verlässlicher Echtzeit-Preisfindung löst, dürfte das nächste große Handelsprodukt schaffen.
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