Dieses Video wurde am 04.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Steuerreform 2026 sorgt für heftigen Streit: Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, bezeichnet das von Finanzminister Lars Klingbeil vorgelegte Gesetzespaket als „Mogelpackung” – und geht noch weiter. Statt echter Entlastung werde die Reform am Ende dazu führen, dass Bürgerinnen und Bürger sowie der Mittelstand mehr zahlen als zuvor. Erstmals seit elf Jahren würden damit faktisch Steuererhöhungen beschlossen.
Kalte Progression bleibt – Staat ist der eigentliche Gewinner
Der zentrale Kritikpunkt des Bundes der Steuerzahler betrifft die sogenannte kalte Progression. Sie entsteht, wenn Lohnerhöhungen lediglich die Inflation ausgleichen, Steuerzahler aber trotzdem in höhere Steuerstufen rutschen und real weniger Kaufkraft haben. Diese schleichende Steuererhöhung wird durch die Reform nicht ausgeglichen.
Holznagel rechnet vor: Die oft genannte Entlastungssumme von rund acht Milliarden Euro sei in Wahrheit eine Mehrbelastung – nämlich genau jener Betrag, den die Bürger zusätzlich entrichten müssen, weil die kalte Progression ignoriert wird. „Richtigerweise ist es so: Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler müssen acht Milliarden Euro mehr zahlen”, so die klare Einordnung des Verbandspräsidenten.
Zwar erhöht die Reform den Pauschbetrag, was bürokratische Erleichterungen bringt. Ein spürbares Mehr an Netto vom Brutto bleibt für die meisten Haushalte jedoch aus.
Mittelstand benachteiligt, Konzerne entlastet
Besonders brisant ist die unterschiedliche Behandlung von Unternehmen. Die Reform sieht eine Körperschaftsteuersenkung für große Kapitalgesellschaften vor – diese zahlen künftig weniger. Kleinere und mittelständische Betriebe hingegen, die ihre Gewinne über die Einkommensteuer versteuern, werden stärker belastet.
Konkret bedeutet das laut Holznagel:
- Große Konzerne profitieren von der Körperschaftsteuersenkung.
- Mittelständler zahlen durch den Anstieg bei der Einkommensteuer mehr.
- Die geplante Reichensteuer greift bereits ab einem Einkommen von 250.000 Euro.
- Eine neue „Superreichensteuer” soll ab 280.000 Euro gelten.
- Nachtzuschläge und Feiertagszuschläge werden an Tarifbindung geknüpft – was Holznagel als zusätzliche Ungerechtigkeit wertet.
Das Signal, das diese Regelung an den wirtschaftlichen Mittelstand sendet, sei grundlegend falsch, so die Kritik des Verbandes.
Gebrochene Wahlversprechen und politischer Vertrauensverlust
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Wahlkampf klar versprochen: Mit der CDU werde es keine Steuererhöhungen geben. Dieses Versprechen gilt nach Einschätzung des Bundes der Steuerzahler als gebrochen. Holznagel erinnert daran, dass sowohl Merz als auch Finanzminister Klingbeil das steuerpolitische Erbe ihrer Vorgänger – darunter Wolfgang Schäuble und Olaf Scholz – ausgeschlagen haben: Über mehr als ein Jahrzehnt war der Ausgleich der kalten Progression politischer Konsens.
Als besonders problematisch bewertet Holznagel die öffentliche Kommunikation der Reform. Im Kanzleramtsgarten wurde Familien mit zwei Kindern und einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro eine Entlastung von rund 600 Euro versprochen. Tatsächlich könnten diese Familien am Jahresende jedoch bis zu 100 Euro mehr zahlen – weil die proklamierten Entlastungszahlen Sozialabgaben nicht einberechnen. „Dann muss man sich nicht wundern, dass die Bevölkerung sich von der Politik abwendet”, warnt Holznagel.
Bundestag als letztes Korrektiv
Trotz der parteiübergreifenden Kritik – auch Wirtschaftsministerin Katharina Reiche wandte sich öffentlich gegen die Reform – wurde das Gesetz im Kabinett durchgewinkt. Holznagel betont, dass viele Abgeordnete im Bundestag selbst entsetzt über den Entwurf seien. Der Bundestag müsse das Gesetz nun deutlich nachbessern.
Der Bund der Steuerzahler hatte bereits früh, kurz nach der Vorstellung des Reformentwurfs Anfang Juli, auf die fehlende Kompensation der kalten Progression hingewiesen. Die politische Reaktion blieb dennoch aus. Ob der Bundestag nun tatsächlich als Korrektiv wirkt und wesentliche Änderungen am Steuergesetz durchsetzt, wird in den kommenden Wochen zur entscheidenden Frage für Millionen von Steuerzahlern in Deutschland.
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