Dieses Video wurde am 04.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Mit einer Milliardenbewertung im Rücken und 70 Millionen Euro wiederkehrendem Jahresumsatz gilt MOS heute als eines der erfolgreichsten deutschen Fintech-Unternehmen. Doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Ante Spittler, Gründer und CEO von MOS, hat nicht nur eine Insolvenz seines ersten Startups überstanden, sondern auch eine Phase, in der er sich fast täglich fragte, ob die KI-Welle sein Geschäftsmodell wegschwemmen würde. Im Gespräch auf der Handelsblatt-Konferenz „AI in Banking” erläuterte er, wie sein Unternehmen die Buchhaltung automatisieren will – und warum das mit großen Sprachmodellen allein noch nicht funktioniert.
Von der Insolvenz zur Milliardenbewertung
Spittlers Unternehmerlaufbahn begann 2015 mit Move 24, einem Umzugsstartup, das 2018 Insolvenz anmelden musste. Die Lektion aus dem Scheitern war pragmatisch: Ideen lassen sich erst am Markt wirklich validieren. Überinvestieren und das echte Kundenfeedback ignorieren – das sei der häufigste Fehler, den Gründer machen.
Die Keimzelle für MOS lag ausgerechnet im Chaos der eigenen Finanzprozesse. Move 24 war schnell auf 2.300 Mitarbeiter gewachsen, doch das Finanzwesen lief weitgehend manuell ab. Bankkonten, Zahlungssysteme und interne Geschäftsprozesse waren kaum miteinander verbunden. Spittler erkannte: Wer diesen Disconnect zwischen Banking und ERP-Systemen auflöst, schafft echten Mehrwert.
Nach einem Jahr intensiver Gespräche mit CFOs und Unternehmern in Deutschland und Europa entstand die Idee zu MOS. Heute zählen Kunden wie Scalable Capital, Häcker Küchen und Urban Sports Club zur Plattform.
Buchhaltung automatisieren – was das konkret bedeutet
MOS kombiniert Accounting, Controlling, Treasury und Payments auf einer einzigen Plattform. Das Ziel: Finance-Teams sollen mit dem gleichen Personal deutlich mehr leisten können. Die manuelle Arbeit – Belege scannen, abtippen, Buchungskonten auswählen, Verträge abgleichen – wird durch Automatisierung übernommen.
Den Buchhalter abschaffen will Spittler dabei ausdrücklich nicht. Jahres- und Monatsabschlüsse, steuerliche Compliance und die finale Prüfung bleiben menschliche Aufgaben. Was sich verändert, ist der Zeitanteil für Routinearbeiten:
- 80 Prozent der Transaktionen werden laut Spittler bereits vollständig automatisch im Hintergrund abgewickelt.
- Das Finance-Team übernimmt nur noch den abschließenden Check und die Freigabe.
- Die eingesparte Zeit fließt in strategischere Aufgaben: Kostenoptimierung, Wachstumsanalyse, Unternehmenssteuerung.
- Kunden können den Automatisierungsgrad ihrer KI-Agenten selbst im Cockpit steuern.
- Die Zahlungsbereitschaft der Kunden steigt, weil der messbare Zeitgewinn direkt sichtbar ist.
Ein konkretes Beispiel aus dem eigenen Haus: MOS setzt intern einen KI-Agenten namens „Dealdesk” ein, der Verkaufsgespräche analysiert, Angebote erstellt und Preisoptimierungen vorschlägt – mit mehr Informationen, als ein einzelner Vertriebsmitarbeiter verarbeiten könnte. Die Trefferquote liegt bei rund 90 Prozent; ein Kollege prüft große Deals weiterhin manuell nach.
KI-Risiken im Finanzbereich: Genauigkeit vor Autonomie
Gerade im regulierten Finanzumfeld gilt eine klare Priorität: 100-prozentige Datengenauigkeit ist entscheidend, vollständige Autonomie der KI dagegen nicht. CFOs und Buchhalter erwarten Compliance-Sicherheit, keine Experimentierspielwiese.
Fehler wie der bekannte Fall einer Fluggesellschaft, bei dem ein KI-Agent eigenständig Erstattungen zusagte, die es gar nicht gab, sollen durch ein mehrstufiges Genehmigungssystem verhindert werden. MOS-Agenten fragen im Zweifel lieber nach, als eigenständig zu entscheiden. Compliance-Flags, ungewöhnliche Rechnungen oder Betrugshinweise lösen automatisch einen menschlichen Review aus.
Intern habe es durchaus Iterationsschleifen gegeben, bei denen KI-Outputs noch stark nachgearbeitet werden mussten – am Kunden sei bislang kein größerer Fehler aufgetreten, so Spittler.
SaaS-Apokalypse und das Einhorn-Paradox
Anfang 2025 erschütterte die sogenannte „SaaS-Apokalypse” die Branche: Die Börsenwerte von Softwareunternehmen brachen drastisch ein, weil Anleger fürchteten, KI könnte jede bestehende Software innerhalb kurzer Zeit ersetzen. Auch MOS durchlebte eine schwierige Phase – mit einer abgesenkten Bewertungsrunde und Entlassungen.
Rückblickend wertet Spittler diese Zeit als notwendige Bewährungsprobe. Die Marktreaktion war übertrieben: Kein einziges großes Softwareunternehmen ist bisher vom Markt verschwunden, die Kurse haben sich erholt. Entscheidend sei, was KI allein eben nicht replizieren kann:
- Jahrelang aufgebautes Kunden-Know-how und proprietäre Datendichte
- Spezialisierte Compliance- und Regulierungsexpertise
- Tiefe Integration in bestehende Kundenprozesse
Heute ist MOS mit einer Bewertung von einer Milliarde Euro offiziell ein Einhorn. Der Umsatz wächst mit 65 Prozent pro Jahr, die Mitarbeiterzahl von 300 blieb dabei weitgehend konstant – ein Beleg dafür, dass KI-gestützte Effizienz tatsächlich messbar ist.
Die Botschaft Spittlers für Unternehmen aller Größen ist klar: Wer jetzt nicht systematisch prüft, welche Teile seiner Systemlandschaft zukunftsfähig sind, riskiert den Anschluss zu verlieren. Ein gesundes Maß an Paranoia gegenüber dem eigenen Geschäftsmodell sei dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern eine unternehmerische Tugend – und womöglich der entscheidende Unterschied zwischen denen, die den nächsten technologischen Umbruch gestalten, und denen, die von ihm überrollt werden.
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