Kritik an Wählern: Mehr Verstand statt Wunschdenken
Kolumnist Reinhard Morkol übt scharfe Kritik an Wählern, die nach gebrochenen Versprechen auf AfD oder Linkspartei setzen – und fordert mehr politischen Verstand.
Dieses Video wurde am 22.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Wenn Politiker Versprechen brechen, wenden sich Wählerinnen und Wähler oft radikaleren Alternativen zu – sei es der AfD oder der Linkspartei. Kolumnist Reinhard Morkol hält dieses Muster für kurzsichtig und fordert stattdessen mehr politische Reife. Seine Kritik an Wählern, die enttäuscht von der Mitte in populistische Versprechungen flüchten, ist unmissverständlich: Politik sei kein Kindergeburtstag, bei dem das versprochene Geschenk zwingend geliefert werden müsse.
„Kindisch”: Wenn Wähler gebrochene Versprechen bestrafen
Morkol hält es für prinzipiell kindisch, wenn Wählerinnen und Wähler Politikern vorwerfen, Versprechen nicht eingehalten zu haben. Sein Vergleich ist pointiert: Wer sage, „der Papa hat uns was versprochen und hat es nicht gehalten”, denke nicht politisch, sondern emotional. Denn Politik, so Morkol, sei weit komplizierter als ein simples Versprechen-Einlösen. Umstände ändern sich, Koalitionen verhandeln Kompromisse, globale Krisen erzwingen Kurswechsel.
Dass Kanzler Friedrich Merz und die CDU berechtigte Kritik einstecken müssen, stellt Morkol dabei ausdrücklich nicht in Abrede. Doch die Konsequenz, die viele Wählerinnen und Wähler daraus ziehen – nämlich zur AfD oder zur Linkspartei zu wechseln – hält er für mindestens genauso problematisch.
AfD und Linkspartei: Unhaltbare Versprechen auf beiden Seiten
Morkol analysiert die Wahlprogramme beider Parteien und kommt zu einem klaren Urteil: Die Versprechungen sind wirtschaftlich nicht finanzierbar.
- Die AfD verspricht ein Rentenniveau von 70 Prozent – aktuell liegt es bei rund 43 bis 44 Prozent. Morkol bezeichnet das als „völlig irre und unbezahlbar”.
- Dazu kommt die enge Anlehnung der AfD an Russland und Wladimir Putin, die Morkol als politisch inakzeptabel einordnet.
- Die Linkspartei wiederum fordert Mietdeckel, höhere Löhne, kostenlosen Nahverkehr sowie Enteignung und Vergesellschaftung.
Besonders verstört zeigt sich Morkol über die Berliner Wahlergebnisse: In Neukölln habe fast jeder zweite Jungwähler die Linkspartei gewählt. Er kritisiert, dass Teile der Partei eine Mischung aus antiisraelischen Parolen und staatswirtschaftlichen Utopien vertreten – und fragt offen: „Wo bleibt die Vernunft?”
Schmerzhafte Reformen: Politik jenseits des Portemonnaies
Ein zentrales Problem sieht Morkol darin, dass viele Menschen den Erfolg von Politik allein daran messen, ob am Monatsende mehr Geld im Portemonnaie steckt. Das sei jedoch kein geeigneter Maßstab für gute Regierungsarbeit.
Die von der Bundesregierung angestoßenen Reformen seien schwierig und schmerzhaft – aber notwendig. Wer sie nicht umsetze, riskiere einen finanziellen Kollaps des Gesamtsystems. Konkret nennt Morkol zwei zentrale Herausforderungen:
- Der Sozialstaat müsse auf ein tragfähiges Niveau zurückgefahren werden.
- Die Verteidigungsausgaben steigen und binden erhebliche Haushaltsmittel.
In diesem Kontext lehnt Morkol auch die Forderung ab, Politiker müssten die Menschen emotional stärker „mitnehmen” und mehr „Gefühl zeigen”. Was Deutschland brauche, sei nicht mehr Herz, sondern mehr kühler Verstand.
Einordnung: Politikverdrossenheit als gesellschaftliche Gefahr
Morkols Kommentar trifft einen wunden Punkt der deutschen Demokratiedebatte: Wie viel Zumutung darf Politik dem Wahlvolk abverlangen – und wie reagiert eine Gesellschaft, wenn die Antwort unbequem ausfällt? Die Schwächung der politischen Mitte zugunsten von Parteien an den Rändern ist kein rein deutsches Phänomen, doch die Konsequenzen sind hierzulande besonders spürbar.
Ob Morkols Appell an politische Vernunft gehört wird, bleibt offen. Klar ist: Solange Wählerinnen und Wähler populistische Versprechungen mit kurzfristigem Entlastungsversprechen verwechseln, dürfte der Zulauf zu AfD und Linkspartei kaum nachlassen – unabhängig davon, ob deren Forderungen realistisch umsetzbar sind oder nicht.
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