Renditeschwäche: Deutsche Konzerne verlieren den Anschluss
BASF, Siemens, VW und Co. wachsen im Umsatz – doch die Renditeschwäche deutscher Konzerne verschärft sich. Was Unternehmen jetzt tun und was auf dem Spiel steht.
Dieses Video wurde am 08.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Eine breit angelegte Analyse von 15 führenden deutschen Konzernen über einen Zeitraum von fünf Jahren zeigt ein beunruhigendes Bild: Die Renditeschwäche deutscher Konzerne ist kein branchenspezifisches Problem – sie zieht sich durch Chemie, Pharma, Automobil und Konsumgüter gleichermaßen. Unternehmen wie BASF, Siemens, Adidas und Volkswagen wachsen zwar beim Umsatz, haben aber gegenüber dem Stand von 2021 kaum oder gar keine Profitabilität hinzugewonnen. Im Vergleich mit US-Konkurrenten klafft eine bedrohlich große Lücke.
Umsatzwachstum ohne Renditezuwachs
Zwölf der 15 untersuchten Konzerne haben zwischen 2021 und 2025 ihren Umsatz gesteigert. Viele haben ihr internationales Geschäft ausgebaut, Produktionsstandorte verlagert und Beschäftigung ins Ausland transferiert. Doch der erhoffte Profitabilitätsschub blieb mehrheitlich aus.
Nur drei Unternehmen konnten ihre Rendite in diesem Zeitraum tatsächlich verbessern: Deutsche Bank, Deutsche Telekom und Henkel. Bei neun der 15 Konzerne sank die Rendite um mindestens einen Prozentpunkt, in manchen Fällen deutlich mehr.
Besonders auffällig: Die Schwäche beschränkt sich nicht auf die krisengeplagte Automobilindustrie. Auch Siemens ist seit 2021 nicht profitabler geworden, Bayer hat im eigentlich robusten Pharmageschäft erheblich an Rendite verloren, und selbst Adidas im Sportartikelmarkt bildet keine Ausnahme. Experten sprechen bereits von einem strukturellen Deutschlandproblem.
Riesiges Renditegefälle gegenüber US-Konzernen
Der Vergleich mit amerikanischen Unternehmen macht das Ausmaß des Problems deutlich. Die 15 größten US-Konzerne steigerten ihre durchschnittliche Rendite von 23 Prozent im Jahr 2021 auf rund 31 Prozent – getrieben auch durch hochmargige Technologieunternehmen.
Doch selbst beim Vergleich mit industrienahen US-Konzernen bleibt eine markante Lücke:
- Vergleichbare US-Industriekonzerne: rund 22 Prozent durchschnittliche Rendite
- Deutsche Vergleichsgruppe: knapp 14 Prozent durchschnittliche Rendite
- Besonders betroffen: VW und Bosch mit Renditen von 2,8 bzw. 2,0 Prozent
Als Hauptursachen für das Zurückbleiben gelten inflationäre Kostenbelastungen, schleppende Restrukturierungserfolge und eine wachstumsschwache Heimatregion Europa. Viele laufende Stellenabbau- und Umbauprogramme zahlen sich noch nicht aus, wurden aber durch neue Krisen immer wieder aufgezehrt.
Jobabbau in Deutschland – Wachstum in Asien und Amerika
Die Konsequenzen spiegeln sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt wider. Insgesamt haben die analysierten Konzerne rund drei Prozent ihrer Stellen in Deutschland und Europa abgebaut. In einigen Fällen ist die Entwicklung noch drastischer: Unternehmen wie Telekom, Bayer, Allianz und Evonik reduzierten ihre Belegschaft in Deutschland seit 2021 um mindestens 10 Prozent, teilweise sogar um 17 bis 18 Prozent.
Gleichzeitig entstanden in Asien und Amerika neue Stellen. Treiber sind zwei sich verstärkende Effekte: Erstens verlagern Konzerne Aktivitäten in die Wachstumsregionen, wo auch Personal aufgebaut wird. Zweitens sind die Personalkosten in Deutschland – inklusive Lohnnebenkosten und steigender Sozialabgaben – deutlich höher als in Osteuropa oder Asien, wo vergleichbare Tätigkeiten zu einem Bruchteil des Preises erledigt werden können.
Experten erwarten, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzt und in manchen Bereichen sogar noch beschleunigt.
Strategien und Ausblick: Wo liegt ein möglicher Ausweg?
Deutsche Konzerne reagieren mit einem Bündel an Maßnahmen: Sparprogramme, Verlagerung ins Ausland, Fokus auf das Kerngeschäft und Restrukturierung alter Organisationsstrukturen. Der Umbau ist in vielen Unternehmen noch nicht abgeschlossen – bei Volkswagen und Bosch stehen die großen Einschnitte erst noch bevor.
Als Orientierungsmarke gilt in der Branche eine Drittelaufstellung des Umsatzes: je ein Drittel aus Europa, Amerika und Asien. Dies schützt vor Konjunkturschwankungen und handelspolitischen Risiken. Merck aus Darmstadt gilt als Vorbild, das diese Balance bereits annähernd erreicht hat. DHL erzielt noch immer 57 Prozent seines Umsatzes in Europa.
Die strukturellen Herausforderungen bleiben indes groß. Eine stärkere Globalisierung der Konzerne bedeutet nicht zwingend das Ende des Standorts Deutschland – sie kann das verbleibende Europa-Geschäft sogar stärken, wenn die Wertschöpfung klug verteilt wird. Doch dafür braucht es auch verlässliche politische Rahmenbedingungen: Wirtschaftsvertreter wie Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mahnen die Bundesregierung, geplante Reformen zügig umzusetzen – als notwendige Voraussetzung für neue Investitionen am Standort.
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