Joachim Witt: KI wird soziale Unruhen auslösen
Joachim Witt warnt beim MusikerGrillen vor den sozialen Folgen der KI-Revolution und spricht über seine Karriere, Wandlungsfähigkeit und die Tour Lux Aeterna.
Dieses Video wurde am 17.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Musiker Joachim Witt schlägt Alarm: Künstliche Intelligenz werde in den kommenden Jahren Millionen von Arbeitsplätzen vernichten – und die Gesellschaft sei darauf überhaupt nicht vorbereitet. Beim Format MusikerGrillen des WELT Nachrichtensenders äußerte sich der 77-jährige Sänger und Songschreiber, bekannt durch Hits wie „Der goldene Reiter”, nicht nur zu gesellschaftspolitischen Fragen, sondern auch zu seiner jahrzehntelangen Karriere, seinem Künstlerverständnis und seiner aktuellen Kirchentour.
KI als Jobkiller: Joachim Witt fordert politisches Handeln
Die schärfste Botschaft des Gesprächs kam aus einer eher unerwarteten Richtung: Witt sieht in der Künstlichen Intelligenz die größte gesellschaftliche Bedrohung der Gegenwart. „KI wird der Rausschmeißer von Berufen und Jobs schlechthin sein in den kommenden Jahren”, sagte er. Bislang fehle es an ernsthaften politischen Antworten auf diese Entwicklung.
Konkret vermisst Witt Konzepte, die Betroffene auffangen: Sozialprogramme, staatliche Fonds und frühzeitige Weichenstellungen. Ohne solche Maßnahmen, so seine Prognose, drohe sozialer Sprengstoff: „Das gibt soziale Unruhen. Dann ist der Teufel los.” Die Warnung trug er mit der Überzeugung eines Mannes vor, der gesellschaftliche Umbrüche aus einer langen Lebensperspektive heraus bewertet.
Gleichzeitig nutzt Witt KI selbst produktiv – für Cover-Gestaltung, Arrangements und kompositorische Anregungen. Den entscheidenden Unterschied sieht er im gezielten Umgang: „Ich gehe viel mehr ins Detail. Ich benutze es als Arrangementshilfe.” Wer nur unreflektiert übernehme, was die Maschine ausspucke, verfehle das Potenzial des Werkzeugs.
Wandlungsfähigkeit als künstlerisches Prinzip
Joachim Witt gilt als einer der wandlungsfähigsten deutschen Musiker. Vom Glamrock-Experiment als „Julian” über die Neue Deutsche Welle mit dem Überhit „Der goldene Reiter” bis hin zur düsteren Bayreuth-Trilogie Ende der 1990er-Jahre hat er mehrfach vollständig neue Klangwelten erschlossen. Diesen Antrieb erklärt er schlicht mit Neugier:
- Ständige Suche nach neuen Themen, Sounds und Arrangements
- Radikale künstlerische Eigenverantwortung – „von der ersten bis zur letzten Note”
- Bewusste Abkehr von Wiederholung und Genregrenzen
- Offenheit gegenüber technologischen Neuerungen, von der CD bis zur KI
Vor seiner Musikerkarriere absolvierte Witt eine Fotografenlehre und eine Schauspielausbildung – letztere begann, nachdem er in einem Underground-Musical einen Affen gespielt und dabei Bühnentalent bewiesen hatte. Beide Erfahrungen verließ er, weil er dort zu stark fremdbestimmt war. Als Musiker hingegen duldet er keine Kompromisse.
Die Bayreuth-Trilogie und die Prägung durch den Osten
Eine Schlüsselepisode seiner Biografie sind seine Tourneen in den neuen Bundesländern kurz nach der Wiedervereinigung. Die Herzlichkeit und Empathie der Menschen dort hätten ihn tief bewegt und über Wasser gehalten. „Das werde ich nie vergessen”, sagte Witt. Seine damalige Partnerin stammte aus Ueckermünde, seine heutige Frau aus einer ostdeutschen Familie – die Verbindung hat persönliche Wurzeln.
Die künstlerisch düstere Neuerfindung mit der Bayreuth-Trilogie ab 1998 führt Witt auf eine Kombination aus persönlicher Krise, dem Zeitgeist der 1990er-Jahre und dem Einfluss der Gothic-Szene zurück, die sich besonders im Osten entfaltet hatte. „Helle Unterhaltungsmusik war ich nie”, betonte er. Die Szene habe ihn nicht gefunden, weil er sie gesucht hätte – sondern weil seine Musik dort Resonanz erzeugte.
Lux Aeterna: Kirchentour als meditativer Raum
Aktuell tourt Witt unter dem Titel Lux Aeterna – Lateinisch für „ewiges Licht” – durch Kirchen. Den Raum wählt er bewusst nicht aus religiösen Gründen, sondern als meditativen Ort: „Du denkst wirklich, du bist in einer anderen Welt, wenn du in der Kirche sitzt – und du kommst so runter.” Zur Besetzung gehört unter anderem ein Cello; die Setlist ist auf Titel ausgerichtet, die inhaltlich Stille, Tiefe und Reflexion transportieren.
Witt bezeichnet seine Texte als sein persönliches Therapiemittel – und damit automatisch als Therapieangebot an die Hörer. Spiritualität spielt dabei eine Rolle, konventionelle Religiosität dagegen nicht: „Ich glaube an Energien.” Die Tour ist ein konsequenter nächster Schritt eines Künstlers, der sich seit Jahrzehnten weigert, auf der Stelle zu treten – und der gleichzeitig der Gesellschaft ins Gewissen redet, sich auf kommende Umbrüche vorzubereiten, bevor es zu spät ist.
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