Dieses Video wurde am 12.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Benzin- und Dieselpreise bewegen sich in Deutschland erneut auf Rekordniveau – und sorgen für wachsenden Unmut bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Doch eine neue Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Frontier Economics, erstellt im Auftrag der Mineralölkonzerne, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Im europäischen Vergleich hat Deutschland den niedrigsten Dieselpreis – zumindest dann, wenn man alle staatlichen Aufschläge und Markteingriffe aus der Rechnung herausnimmt. Was steckt hinter dieser Einschätzung, und was bedeutet sie für Autofahrerinnen und Autofahrer?
Niedrigster Dieselpreis Europas – aber nur ohne Steuern
Die Kernaussage der Frontier-Economics-Studie klingt zunächst paradox: Deutschland, wo Sprit zu den teuersten in Europa gehört, soll den günstigsten Dieselpreis des Kontinents haben. Der entscheidende Haken liegt in der Methodik. Die Berechnungen beziehen sich auf den Basispreis vor staatlichen Eingriffen – also ohne Mineralölsteuer, CO₂-Abgabe und sonstige Abgaben.
Das bedeutet: Auf Ebene der reinen Marktpreise – Rohstoffkosten, Raffineriekosten, Handelsmargen – schneidet Deutschland im europäischen Vergleich besonders günstig ab. Die Mineralölkonzerne kalkulieren demnach vergleichsweise wettbewerbsfähig.
Für den Alltag an der Zapfsäule ändert das freilich nichts. Was Verbraucher tatsächlich zahlen, wird maßgeblich durch den staatlichen Anteil am Endpreis bestimmt – und der ist in Deutschland erheblich.
Steuern und Abgaben als wichtigste Preistreiber
Der Löwenanteil des hohen Spritpreises in Deutschland geht auf das Konto von Steuern und Abgaben. Konkret schlagen folgende Posten zu Buche:
- Energiesteuer (früher Mineralölsteuer): fester Betrag pro Liter Diesel bzw. Benzin
- CO₂-Abgabe: seit 2021 stufenweise steigend, treibt den Preis zusätzlich nach oben
- Mehrwertsteuer: wird auf den Gesamtbetrag inklusive aller anderen Abgaben erhoben
- EU-Beimischungsquoten für erneuerbare Energien: erhöhen die Produktionskosten des Kraftstoffs
In der Summe machen staatlich veranlasste Preisbestandteile bei Diesel und Benzin in Deutschland einen erheblichen Teil des Endpreises aus – Schätzungen gehen von deutlich mehr als der Hälfte des Zapfsäulenpreises aus.
EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie besonders ambitioniert umgesetzt
Ein weiterer Faktor, der den deutschen Benzinpreis und Dieselpreis im Vergleich zu anderen EU-Ländern in die Höhe treibt, ist die Umsetzung der EU-Richtlinie für erneuerbare Energien. Diese schreibt vor, dass Kraftstoffe einen bestimmten Anteil an Biokraftstoffen oder synthetischen Alternativen enthalten müssen.
Deutschland legt diese Vorgaben besonders ambitioniert aus – mit der Folge, dass die Beimischungsquoten höher ausfallen als in vielen Nachbarstaaten. Das ist zwar klimapolitisch gewollt, erhöht aber die Herstellungskosten und damit den Endpreis für Verbraucherinnen und Verbraucher spürbar.
Kritiker weisen darauf hin, dass dieser Effekt im politischen Diskurs oft unterbelichtet bleibt. Während die Debatte sich häufig auf die Gewinne der Mineralölkonzerne konzentriert, seien es in Wirklichkeit vor allem staatliche Entscheidungen, die für die hohen Spritpreise verantwortlich zeichnen.
Einordnung: Was die Studie aussagt – und was nicht
Die Studie von Frontier Economics wurde im Auftrag der Mineralölwirtschaft erstellt, was bei der Einordnung berücksichtigt werden sollte. Das Ergebnis dient offenkundig auch dazu, die Branche von dem Vorwurf zu entlasten, überhöhte Margen auf Kosten der Verbraucher zu erzielen.
Unabhängig davon liefern die Berechnungen jedoch einen aufschlussreichen Blick auf die Preisstruktur an deutschen Tankstellen. Die zentrale Botschaft lautet: Der Marktpreis für Kraftstoff ist in Deutschland wettbewerbsfähig – es sind politisch gesetzte Rahmenbedingungen, die den Endpreis in die Höhe treiben.
Ob und wie die Politik auf diese Erkenntnisse reagiert, bleibt abzuwarten. Angesichts der anhaltend hohen Spritpreise und des wachsenden Drucks auf Haushalte und Unternehmen dürfte die Debatte über Steuerentlastungen bei Kraftstoffen in den kommenden Monaten weiter an Fahrt gewinnen.
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