KI im Bauwesen: Wie Nemetschek die Branche transformiert
90 % aller Bauprojekte sprengen Budget und Zeitplan. Julian Geiger, Chief AI Officer bei Nemetschek, erklärt, wie KI im Bauwesen dieses Problem lösen soll.
Dieses Video wurde am 21.10.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Neun von zehn Bauprojekten weltweit überschreiten ihr Budget oder werden nicht rechtzeitig fertiggestellt – und das ist kein rein deutsches Problem. Julian Geiger, Chief AI Officer beim Münchner Bausoftware-Konzern Nemetschek, ist überzeugt: KI im Bauwesen kann diesen strukturellen Missstand grundlegend beheben. Im Gespräch erläutert der ehemalige Google- und BMW-Manager, wie künstliche Intelligenz die Planungs-, Entwurfs- und Ausführungsphase von Bauprojekten revolutionieren soll – und warum gerade hier eines der größten Potenziale für Softwareunternehmen schlummert.
Eine Branche mit enormem Aufholbedarf
Die Bauindustrie gilt weltweit als eine der am wenigsten digitalisierten Branchen überhaupt. Während Sektoren wie Banking oder klassische Softwareentwicklung maschinelles Lernen früh adaptierten, kämpft der Bau mit strukturellen Besonderheiten: Jedes Gebäude ist ein Prototyp, kein Serienprodukt. Klassische Machine-Learning-Ansätze, die auf Wiederholbarkeit angewiesen sind, griffen deshalb kaum.
Hinzu kommen ausgeprägte Haftungsregeln. Architekten und Ingenieure unterschreiben mit ihrem eigenen Namen für die Bauwerke, die sie entworfen haben – das setzt strenge Anforderungen an die Verlässlichkeit jedes eingesetzten Werkzeugs. Geiger betont: KI-Agenten müssen im Bauumfeld auf deterministische Software-Tools zurückgreifen, die in einer Million von Fällen exakt dasselbe Ergebnis liefern. Ein probabilistischer Fehler bei der Statikberechnung kann im schlimmsten Fall den Einsturz eines Gebäudes bedeuten.
Mit der neuesten Generation großer Sprachmodelle und agentenbasierter KI ändert sich die Ausgangslage jedoch grundlegend. Über drei Viertel aller Architekten weltweit nutzen inzwischen täglich KI-Tools – ein Adoptionssprung, der vor wenigen Jahren noch undenkbar schien.
Wo KI im Bauwesen den größten Hebel ansetzt
Die zentralen Schwachstellen der Branche lassen sich in drei Kennzahlen zusammenfassen:
- 90 % aller Bauprojekte überschreiten Budget oder Zeitplan
- 40 % der weltweiten CO₂-Emissionen stammen aus dem Gebäudesektor
- 20 % der Materialien auf einer typischen Baustelle werden verschwendet
Geiger sieht den entscheidenden Hebel nicht auf der Baustelle selbst, sondern in der frühen Planungs- und Entwurfsphase. Wenn eine Software dem Architekten bereits beim Zeichnen meldet, dass eine bestimmte Wand später Fertigungsprobleme verursachen wird, lassen sich Wochen, Monate und potenziell Millionen Euro einsparen – noch bevor der erste Zementmischer anrollt.
Ein weiteres Kernproblem ist die fragmentierte Datenlage. Heute existiert für ein Gebäude keine einheitliche Datenquelle. Informationen gehen an gesetzlich definierten Übergabepunkten verloren, werden neu erstellt oder unterschiedlich interpretiert. KI kann diese Lücken schließen, indem sie Dokumente kontinuierlich prüft, validiert und Inkonsistenzen frühzeitig meldet.
Nemetscheks Strategie: Von der Holding zur KI-Plattform
Nemetschek deckt mit seinem Produktportfolio den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts ab – von der ersten Architekturskizze über Tragwerksplanung und Generalunternehmer bis zum Facility Management. Bislang agierte der Konzern wie eine dezentrale Finanzholding, in der die einzelnen Marken weitgehend unabhängig operierten.
Unter Geigers Führung entstand die sogenannte Nemetschek Intelligence Platform, die Datenbausteine aller Produkte auf einer gemeinsamen Ebene bündelt. Darauf aufbauend können KI-Agenten über Produktgrenzen hinweg eingesetzt werden. Ein konkretes Beispiel ist Bluebeam Revu mit über drei Millionen Nutzern: Das neue KI-Paket automatisiert den mühsamen Vergleich zweier Grundrissversionen – ein Prozess, der zuvor Stunden manueller Arbeit pro Woche kostete.
Geiger unterscheidet dabei klar zwischen AI Enabled – bestehende Prozesse beschleunigen – und AI First: dem radikalen Neudenken von Abläufen, Rollen und Organisationsstrukturen rund um KI. Mehr als 90 Prozent der Nemetschek-Mitarbeiter nutzen intern bereits aktiv KI-Tools.
Europa, KI-Regulierung und ein gewagter Ausblick
Im transatlantischen Vergleich sieht Geiger Europa in einer ambivalenten Position. Die kulturell verwurzelte Technologieskepsis bremse die Adaption, während der Großteil des Nemetschek-Umsatzes in den USA erwirtschaftet werde. Sein Plädoyer: Europa sollte sich nicht im Rennen um Frontier-KI-Modelle verausgaben, sondern führend in deren industrieller Anwendung werden – in Fertigung, Pharma, Medizintechnik und Bau. Dafür brauche es aber deutlich mehr Rechenkapazität und Energieinfrastruktur auf dem Kontinent.
Zur KI-Regulierung mahnt Geiger zur Dringlichkeit: Eine neue, potenziell überlegene Intelligenz zu erschaffen, ohne deren Ausrichtung sicherzustellen, sei „wahrscheinlich der entscheidende Moment für die Menschheit überhaupt”. Gleichzeitig zweifelt er, ob klassische Regulierungsprozesse schnell genug greifen können.
Seine gewagteste Prognose für die nächsten zwanzig Jahre fällt in den Bereich Medizin: Geiger glaubt, dass die Menschheit innerhalb von fünf Jahren die sogenannte Langlebigkeits-Fluchtgeschwindigkeit erreichen könnte – also pro Lebensjahr mehr als ein Jahr Lebenserwartung hinzugewinnt. Für die Baubranche ist sein Ziel konkreter und nahbarer: die 90-Prozent-Misserfolgsquote bei Bauprojekten durch KI-gestützte Früherkennung und bessere Datenverfügbarkeit dauerhaft zu brechen.
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