Dieses Video wurde am 26.08.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Viele Aktien notieren nahe ihrer Rekordstände – doch Fondsmanager Hendrik Leber, Gründer von Acatis, blickt mit wachsender Sorge auf die Märkte. Der Grund: Seiner Einschätzung nach klaffen beim Thema KI-Investitionen Ausgaben und Erträge weit auseinander. Unternehmen nehmen gigantische Summen in die Hand, die sie sich leihen müssen, während die tatsächlich generierten Umsätze mit künstlicher Intelligenz weit hinter den Investitionsvolumina zurückbleiben. Das, so Leber, könnte das Fundament für eine ernste Schuldenkrise legen.
KI-Investitionen in Billionenhöhe – rechnet sich das?
Die Zahlen sind beeindruckend – und beunruhigend zugleich. Nach Lebers Darstellung investieren Technologiekonzerne allein in diesem Jahr rund 800 Milliarden US-Dollar in neue Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Im Umlauf sind Schätzungen von bis zu 3 Billionen oder gar 6 Billionen Dollar an geplanten Investitionsinitiativen. Dem gegenüber stehen KI-Umsätze der großen Anbieter von lediglich rund 80 Milliarden Dollar.
Diese Diskrepanz hält Leber für strukturell gefährlich. Viele Unternehmen erwarten, KI-Dienste günstig nutzen zu können – ähnlich wie einst das Internet, das als nahezu kostenlose Infrastruktur wahrgenommen wurde. Budgets für KI-Ausgaben sind in der Praxis gedeckelt, und die Zahlungsbereitschaft bleibt begrenzt.
Zusätzlich beobachtet Leber fragwürdige Finanzierungsmodelle, bei denen Unternehmen sich gegenseitig finanzieren – ein Konstrukt, das die tatsächliche Tragfähigkeit der Investitionen verschleiert.
Staatsschulden und Abnahmeverpflichtungen als Doppelrisiko
Neben den Unternehmensschulden bereiten Leber vor allem die öffentlichen Finanzen Sorgen. Die USA stehen aktuell mit rund 40 Billionen Dollar in der Kreide. Bei einem Zinsniveau von 5 Prozent ergibt das jährliche Zinszahlungen von etwa 2 Billionen Dollar – eine Belastung, die das US-Finanzministerium unter Scott Bessent durch gezielte Eingriffe in die Zinsstrukturkurve zu managen versucht.
Hinzu kommen sogenannte Liefer- und Abnahmeverpflichtungen in Höhe von rund 3 Billionen Dollar. Dabei sagen Unternehmen verbindlich zu, in den kommenden Jahren bestimmte Leistungen oder Waren für festgelegte Gesamtbeträge abzunehmen – eine Form versteckter Verbindlichkeit, die in der öffentlichen Debatte kaum Beachtung findet.
- Unternehmensschulden für KI-Infrastruktur: bis zu 800 Mrd. Dollar allein 2025
- US-Staatsschulden: rund 40 Billionen Dollar bei ~5 % Zinslast
- Abnahmeverpflichtungen im Tech-Sektor: rund 3 Billionen Dollar
- KI-Umsätze der großen Anbieter: erst ca. 80 Milliarden Dollar
Die Kombination aus überhitzten Tech-Investitionen und strukturell wachsenden Staatsschulden erhöht nach Lebers Einschätzung das Risiko einer Schuldenkrise erheblich.
Defensive Strategie: Langeweile als Investmentprinzip
Als Reaktion auf diese Risiken hat Leber seinen globalen Aktienfonds bereits vor rund einem Jahr defensiver ausgerichtet. Die Devise: Investieren in „Langeweile”. Gemeint sind Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, soliden Gewinnen und geringer Abhängigkeit von Wachstumsfantasien.
Konkrete Beispiele, auf die Leber setzt:
- Kraft Heinz: Klassischer Konsumgüterhersteller mit stabilem Ketchup-Geschäft
- Produzenten von Cornflakes und Tierfutter
- PayPal: Trotz Konkurrenz durch Apple Pay weiterhin profitabel mit Aktienrückkäufen
- Deutscher Getränkemaschinenhersteller Krones: Weltmarktführer mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 12
Das Prinzip dahinter: Unternehmen, die verlässlich Free Cashflow generieren, eigene Aktien zurückkaufen und günstig bewertet sind, bieten in einem unsicheren Umfeld mehr Schutz als hochbewertete Technologiewerte.
Europa und Japan als attraktive Alternativen
Ein besonderer Fokus liegt für Leber derzeit auf europäischen Aktien. Die Free-Cashflow-Rendite liegt in Europa bei rund 6 Prozent, in den USA hingegen nur bei etwa 2,5 Prozent. Das bedeutet: Anleger erhalten in Europa rund 4 Prozentpunkte mehr Rendite auf ihr eingesetztes Kapital.
Angesichts von US-Unternehmensanleihen mit Zinsen von über 5 Prozent rechnen sich US-Aktieninvestments immer schwerer. Europäische und japanische Aktien, die ähnliche Profitabilität aufweisen, gewinnen dadurch relativ an Attraktivität.
Die Schlussfolgerung ist klar: Künstliche Intelligenz bleibt ein zentrales Thema der Weltwirtschaft, doch die entscheidende Frage ist, ob und wann sich die enormen Investitionen tatsächlich rechnen. Solange diese Frage offen bleibt und Schulden auf staatlicher wie unternehmerischer Ebene weiter wachsen, könnte ein defensiv ausgerichtetes Depot – mit bewusst unspektakulären Titeln – der klügere Weg sein.
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