Dieses Video wurde am 01.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Wahlkampftermine in Ostdeutschland absolviert – in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Doch wie viel politisches Kapital lässt sich damit noch schlagen? Politikberater Hendrik Wieduwilt ist skeptisch: Der Kanzler könne kaum ernsthaft hoffen, mit diesen Auftritten noch Wählerstimmen zu gewinnen. Es gehe vielmehr um Schadensbegrenzung und das Schließen offener Flanken – nicht um einen kommunikativen Durchbruch.
Sympathiepunkte statt Stimmengewinn
Ein Moment sorgte beim Kanzlerbesuch zumindest für Auflockerung: Bei einem Fischhändler wurde Merz spontan geduzt – eine ungewohnte Szene, die Wieduwilt als „sympathischen Moment” wertet. Solche Begegnungen seien bei Merz selten und könnten vereinzelte unentschlossene Wähler ansprechen, die den Kanzler weniger negativ wahrnehmen als erwartet.
Dennoch dämpft der Politikberater die Erwartungen: „Groß bewegen wird es nichts, und das erhofft sich glaube ich auch niemand.” Die Auftritte sorgten allenfalls für Sendeminuten und verhinderten, dass der politische Gegner die Abwesenheit des Kanzlers als Schwäche ausschlachten kann.
Zu spät oder ohnehin zwecklos?
Die Frage, ob ein früherer Einsatz des Kanzlers vorteilhafter gewesen wäre, verneint Wieduwilt klar. Merz gehöre zu den historisch unbeliebten Kanzlern – ein früheres Erscheinen in der Region hätte die CDU-Kandidaten womöglich eher belastet als gestärkt. Tatsächlich wurde Merz bei Auftritten teils mit Buh-Rufen und Pfiffen empfangen.
Auch die Tatsache, dass viele Termine in Sachsen-Anhalt hinter verschlossenen Türen stattfanden, wertet der Berater nicht als verpasste Chance. Es gebe offenbar auch Sicherheitsbedenken, und Merz mache in der Menge ohnehin selten Punkte. Fernhalten von breiten Menschenmengen sei daher fast die klügere Strategie.
Strukturelle Krise – keine schnellen Tricks möglich
Wieduwilt analysiert die Lage der Union nüchtern. Was die AfD derzeit antreibe, seien keine kurzfristigen Themenkonjunkturen, sondern tiefgreifende gesellschaftliche Krisen:
- Vertrauenskrise: Das Vertrauen in etablierte Parteien ist strukturell geschwächt.
- Identitätskrise: Viele Wähler vermissen eine klare politische Heimat in der Mitte.
- Kommunikationskrise: Die CDU gilt als schwach in der direkten Ansprache von Bürgern.
In all das greife die AfD gezielt hinein. Das lasse sich nicht mit ein paar kurzfristigen PR-Maßnahmen beheben. Auch die Kandidatenwahl selbst sei laut Wieduwilt eine strategische Fehlentscheidung gewesen: Dass Merz kein starker Kommunikator ist, sei der Partei vorher bekannt gewesen.
Empfehlung: Präsenz zeigen, aber Risiken minimieren
Auf die Frage, was er dem Kanzler konkret raten würde, antwortet Wieduwilt pragmatisch: Zu diesem Zeitpunkt des Wahlkampfs gebe es kaum noch Spielraum für strategische Ratschläge. Das Wichtigste sei jetzt, vor Ort bei den Menschen präsent zu sein. Gleichzeitig rät er dazu, Merz nicht zu viel in der Menge zu zeigen – um weitere virale Negativszenen zu vermeiden.
Das Fazit des Politikberaters ist ernüchternd: Es gehe nicht mehr darum, einen großen kommunikativen Coup zu landen, sondern allein um Schadensbegrenzung. Für die CDU in Ostdeutschland bedeutet das: Der Kanzler ist Mittel zum Zweck – und ein risikoreiches dazu.
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